Excerpt for Und Keiner Sprach Mit Mir by Adrian Kadin, available in its entirety at Smashwords

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UND KEINER SPRACH MIT MIR

    By

    Adrian Kadin

    SMASHWORD EDITION


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    PUBLISHED BY

    Adrian Kadin on Smashwords

    Und keiner sprach mit mir

    Copyright © 2012 by Adrian Kadin

Foreword - Vorwort

Es gibt immer wieder Menschen, denen man im Laufe des Lebens begegnet und die man nicht versteht. Ihre Meinungen, ihre Entscheidungen, ihr ganzes Leben ist für einen nicht nachvollziehbar und dennoch lassen einen die Gedanken an sie und ihr Leben nicht los. Dabei müssen die anderen noch nicht einmal aus einer anderen Kultur kommen oder anders aufgewachsen sein, vielmehr ist es die Ähnlichkeit des Umfeldes, die scheinbar gleichen Optionen und dennoch unterschiedlichen Leben, die einen an dem anderen faszinieren. Warum hat derjenige sich so entschieden? Hätte er nicht auch ganz anders handeln können? Wie kam er zu seinen Meinungen? Und was treibt ihn an?

Letztendlich wird man das Leben der anderen nie verstehen und man selbst hätte wahrscheinlich immer anderes gehandelt, aber wenn man sich die Geschichte und den Lebensweg der anderen bewusst macht, kann man die Entscheidungen und Meinungen der anderen tolerieren, denn im eigenen Weltbild handeln schlussendlich alle Menschen logisch und richtig, auch wenn es für einen selbst nicht so scheint. Alles, was passiert hat seinen Sinn, so auch, dass jemand mit ähnlichen Optionen wie man selbst doch ein ganz anderer Mensch sein kann, den man nicht versteht, meist noch nicht einmal mag, sondern einfach von der Unbegreiflichkeit dieses Lebensentwurfes fasziniert ist.

Ein guter Weg das Leben eines anderen nachzuvollziehen, ist es, die Geschichte des anderen zum Leben zu erwecken, sich selbst in seine Rolle zu begeben und alles selbst einmal durch zu leben …

Chapter 1 - Wie alles begann …

Mein Name ist Annika. Ich bin jetzt 30 Jahre alt und lebe in einer Großstadt im Osten von Deutschland. Hier bin ich geboren und aufgewachsen. Meine Stadt liegt irgendwo im Nirgendwo. Mit knapp 100.000 Einwohnern ist die Stadt nicht wirklich groß und auch so hat sie eigentlich kaum etwas zu bieten, dennoch habe ich mich hier immer zu Hause gefühlt. In den historischen Gebäuden im Stadtzentrum bin ich groß geworden und in den Parks der Stadt bin ich heute noch sehr gern unterwegs, um einfach mal zu entspannen und die Natur zu genießen, die man in anderen Großstädten nicht so einfach findet. Hier kenne ich so gut wie jede Ecke, jeden guten Shop, jeden Club, jede Kneipe und vor allem die Menschen hier, die sich seit meiner Kindheit kaum verändert haben. Auch wenn ich einige Jahre wo anders lebte, war meine Heimatstadt doch immer der Mittelpunkt meines Lebens und ich war mir sicher, dass ich später einmal hierher zurückkehren werde.

Zu mir selbst gibt es nicht wirklich viel zusagen. Ich bin nicht besonders groß oder auffällig, dennoch habe ich schon immer auf mein Aussehen geachtet. Die aktuellen Modetrends sind mir nicht wichtig. Ich bin vielmehr eine Individualistin, die ihren ganz persönlichen Stil hat. Ich bevorzuge dunkle, natürliche Farben, die zu meinen dunklen Haaren und blassen Teint passen. Ich war schon immer eher der Schneewittchentyp und den habe ich auch bewusst hervorgehoben. Die Männer fanden es gut und ich hatte es so immer recht leicht, jemanden Neues kennenzulernen. Das schüchterne, blasse Mädchen muss bei einigen den Beschützerinstinkt geweckt haben. Außerdem mag ich es, wenn die Stoffe weich fallen, meinen Körper umspielen und ich weiblich aussehe ohne das es gleich zu aufdringlich wirkt. Ich achte dazu auch sehr auf die Kleinigkeiten, die der Kleidung immer etwas Besonderes verleihen, wie Rüschen, Schleifen, Spangen und so weiter. Auch bei meinen langen, dunklen Haaren mag ich es schlicht, aber nicht einfach. Selten trage ich sie offen oder nur zu einem Pferdeschwanz gebunden, ich achte immer darauf, dass sie schön zurechtgemacht sind und ein kleines Extra besitzen, wie Tücher, Haarreifen oder einfach eine Blume. Mir ist es auch wichtig, dass ich nicht jeden Tag gleich aussah. Ich hatte schon immer viele Kleidungsstücke, die ich unterschiedlich kombinieren konnte, dennoch habe ich immer darauf geachtet, dass ich meinem Stil treu bleibe. Am Ende muss aber immer alles perfekt zusammenpassen. Manchmal bin ich, wenn ich mir nicht 100prozentig gefallen habe, nicht aus dem Haus gegangen, weil ich mich sonst nicht wohlgefühlt hätte. Wichtig bei meinem Auftreten war mir auch immer, dass ich etwas Besonderes hatte, etwas was meine Persönlichkeit unterstrich und mich von den anderen abhob, manchmal waren es nur Accessoires und manchmal trug ich Marken, die sich sonst niemand in meinem Umfeld hätte leisten können. Anpassung an den Mainstream war noch nie mein Ding und sollte es nie werden. Auch sonst habe ich immer nur das gemacht, was ich wollte, egal ob es um mein Aussehen, Hobbys, meine Karriere oder um Männer ging. Doch nicht immer schien das Glück dabei auf meiner Seite zu stehen, vor allem was Männer anging, bin ich eigentlich immer an die Falschen geraden, bis heute. Aber auch sonst lief nicht alles nach Plan und ich musste einige Umwege gehen, bevor ich da angelangt war, wo ich heute bin.

Doch am besten ist es, wenn ich dort beginne, wo alles angefangen hat, hier in meiner Stadt …

Chapter 2 - Meine Kindheit

Ich wurde am 18.5.1980 in einer ostdeutschen Großstadt geboren. Meine Heimat ist, wie schon gesagt, eine schöne Stadt mit historischen Bauten und viel Natur, auch wenn sie kaum einer kennt. Ich lebte mit meinen Eltern im Zentrum der Stadt. Hier gibt es viele alte Gebäude, die damals teilweise schon restauriert waren und in so einem Altbau habe ich viele Jahre mit meinen Eltern gewohnt. Ganz klassisch in einer 3-Zimmer-Wohnung, in der ich von Anfang an mein eigenes Zimmer hatte.

Meine Mutter Brigitte und mein Vater Jürgen lebten zu dieser Zeit schon fast 5 Jahre hier und genauso lange waren sie ein Paar. Beide kamen von kleinen Dörfern aus dem Umland, die es hier zuhauf gibt, und versuchten sich in der Stadt ein gemeinsames Leben aufzubauen, dazu gehörte es auch, eine Familie zu gründen. Beide mussten schon in ihrer Kindheit viel Verantwortung übernehmen, was ihnen auch bei der eigenen Familie half.

Meine Mutter, die älteste von drei Schwestern, hatte schon früh gelernt, einen Haushalt zu führen. Ihre Mutter ist verstorben, als sie gerade einmal 10 Jahre alt war, und da der Vater jetzt alleine die Familie versorgen musste, war er auf jede Unterstützung angewiesen. Sie kümmerte sich um das Wohlergehen der Schwestern und des Vaters, wie sie es heute ganz sicher auch noch machen wird. Auch bei uns kümmerte sie sich immer um das Wohl der Familie und ging nebenher noch ihrem Job als Laborantin nach. Trotz der wenigen Zeit, die sie für sich hatte, achtete sie sehr auf ihr Aussehen. Ihr war es sehr wichtig, gepflegt auszusehen, denn ihr Lebensmotto lautete: Den ersten Eindruck kann man nicht wiederholen. Sie legte ebenfalls sehr viel Wert auf ein schönes zu Hause und auf eine harmonische Familie. Streit mochte meine Mutter nie, dem ging sie lieber aus dem Weg oder versuchte ihn so schnell wie möglich zu schlichten, wie sie es schon immer bei ihren Schwestern getan hatte. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass Sie ein Hobby hatte oder überhaupt irgendwelchen Freizeitaktivitäten nachging, da sie entweder arbeitete oder sich um den Haushalt kümmerte. Wenn Sie dann doch einmal nichts zu tun hatte, genoss sie die Zeit in unserm schönen zu Hause.

Auch mein Vater kam aus einer Großfamilie. Er war der Jüngste von sieben Geschwistern und ist auf einen Bauernhof mit vielen Tieren groß geworden. Hier musste er schon früh bei der Arbeit mithelfen, denn auf so einen Bauernhof wird jede Hand gebraucht. Er war der Einzige, der von seiner Familie studieren durfte. Das war damals so, eines von den Kindern aus Nicht-Akademiker-Familien konnte eine Universität besuchen und mein Vater hätte dazugehören können. Doch da meinem Vater die Familie wichtiger war, meine Mutter hier ihre Arbeit hatte und er in dieser Stadt keine Möglichkeit hatte zu studieren, entschloss er sich, eine Ausbildung als Sozialhelfer zu machen und später das Studium nachzuholen, wenn sich die Gelegenheit dazu bieten würde. Er arbeitete in meiner Kindheit vor allem in der Jugendhilfe und hatte da auch immer viel zu tun. Im Gegensatz zu meiner Mutter, die die meiste Zeit allein war, hatte mein Vater immer Zeit für seine vielen Freunde, was sich bis heute nicht geändert hat. Er verbrachte seine Freizeit mit ihnen und nahm meine Mutter und mich auch öfters mit zu den Treffen. Aber meist langweilten wir beide uns sehr, da mein Vater sich mehr mit den anderen beschäftigte als mit uns und wir eigentlich nur darauf warteten, wieder nach Hause gehen zu können. Er hatte auch ein Hobby, das ihn stark beanspruchte. Er handwerkte in seiner freien Zeit viel, egal ob es sich dabei um die Reparatur von Radios, Waschmaschinen, Fenstern oder sonstigen handelte. Weil er dies sehr gut konnte, wurde er immer für die Reparaturen, die in unserem Mietshaus anstanden, geholt und auch Freunde ließen sich gerne von meinem Vater helfen. Die Arbeit und sein aufwendiges Hobby ließen meinem Vater kaum Zeit für die Familie. Wenn er dann doch einmal Zeit für uns hatte, verbrachten wir sie immer gemeinsam in unserer schönen Wohnung, die meine Mutter extra für diese wenigen Momente noch ein weniger perfekter herrichtete, als sie es eh schon immer tat.

Häufig nutzten wir auch die Zeit, um die Großeltern zu besuchen, denn diese waren immer sehr wichtig für meine Eltern, genauso wie ihre Geschwister. Bei den Besuchen war meist die ganze Familie anwesend und man hatte viel zu tun. Vor allem an den Feiertagen gab es anfänglich häufig Diskussionen, bei welcher Familie wir welchen Feiertag verbringen sollten, da wir immer zu beiden Familien eingeladen wurden und sich jede freute, wenn wir sie besuchten und am besten die ganzen Feiertage dort verbringen würden. Deshalb war eines eigentlich immer sicher, wir waren an keinem Feiertag allein. Ich selbst war lieber bei der Familie meiner Mutter, den Bauernhof, auf dem mein Vater groß geworden ist, konnte ich nie wirklich etwas abgewinnen. Es war mir hier meist zu laut. Die Familie war mir etwas zu dörflich, kaum einer machte was anderes als Landarbeit, alle arbeiteten auf dem Hof oder waren in anderen Bereichen der Landwirtschaft tätig, sodass die Familie väterlicherseits eigentlich kein anderes Thema kannte als Landwirtschaft und Tierpflege, was mich nun überhaupt nicht interessierte, ich kam ja aus der Stadt. Aber dennoch war ich, wie es sich gehört, auch hier regelmäßig mit dabei, wenn eine Familienfeier anstand oder wir uns entschieden, die Feiertage bei den Eltern meines Vaters zu verbringen.

Doch nun erst einmal zurück zu mir und meiner Kindheit …

Wie gesagt: Ich bin in einer Großstadt irgendwo im Nirgendwo geboren und auch hier aufgewachsen. Als einziges Kind meiner Eltern habe ich mir auch ab und zu ein Geschwisterchen gewünscht, vor allem einen älteren Bruder, der mich später auch immer mitgenommen hätte, wenn er ausgeht oder mich seinen Freunden vorstellt. Doch meist war ich ganz froh, allein zu sein, denn dann verbrachten meine Eltern wenigstens die wenige Zeit, die sie hatten, mit mir und nicht mit meinem Bruder.

Meine Kindheit unterschied sich kaum von der anderer Kinder meiner Zeit und in der Gegend. Ich ging zuerst in die Kindergrippe, dann kam der Kindergarten und mit sieben Jahren kam ich in die Schule. Auf die Schule hatte ich mich damals, wie die meisten Kinder, sehr gefreut. Ich fing sehr früh an viel zu üben, denn ich wollte die Beste sein und schaffte das auch immer oder so gut wie immer, jedenfalls war ich stets unter den besten Fünf. An den angebotenen Freizeitaktivitäten nahm ich ebenfalls regelmäßig teil, auch wenn ich mich mittlerweile kaum mehr daran erinnern kann, was ich alles gemacht habe. Aber eins weiß ich noch ganz sicher, mir wurde immer gesagt, dass ich sehr kreativ bin und viel Fantasie habe. In einem Ferienlager, wie es zu dieser Zeit üblich war, war ich aber nur einmal. Es hat mir nicht wirklich viel Spaß gemacht, da alle immer das Gleiche machen mussten. Ich war schon damals eine Individualistin und habe lieber die Ferien in der Stadt oder bei meinen Großeltern verbracht, hier konnte ich wenigstens immer das machen, was ich wollte.

Meine Kindheit empfand ich alles in allem als sehr glücklich, jedenfalls die ersten 10 Jahre. Meine Eltern waren immer für mich da und haben mich auch bei der Entfaltung meiner Persönlichkeit unterstützt. In meiner Erinnerung scheint diese Zeit heute jedoch, wie aus einer anderen Welt zu sein, irgendwie vernebelt und eigentlich nicht wirklich. Das Ende dieser Zeit kam 1990. Im Jahre der Wiedervereinigung, deren Vorboten man schon einige Zeit früher gespürt hatte, verändert sich auch hier viel. Obwohl ich mich nicht wirklich an die Zeit erinnern kann, wie es vorher war und währenddessen, war die Wende doch ein Einschnitt in meinem Leben. Es schien sich alles zu verändern und vor allem in meiner Familie war nichts mehr, wie es war. Oder vielleicht war es noch nie so, wie ich glaubte, dass es gewesen zu sein schien. Vielleicht bilde ich mir auch nur ein, damals in einer intakten Familie gelebt zu haben und schon lange vor der Wende haben die Probleme angefangen, ich wollte es nur damals nicht sehen. Und will es heute eigentlich auch nicht wissen, denn so hatte ich wenigsten eine unbeschwerte Kindheit, jedenfalls in meinen Erinnerungen, auch wenn sie vielleicht nicht wahr ist.



Chapter 3 - Und dann kam die Wende …

Ich war gerade 10 als sich meine ganze Welt auf einmal veränderte, es war aber nicht die große Politik, die sich auf mich auswirkte, sondern die Veränderungen, die plötzlich bei uns in der Familie auftauchten und alles infrage stellten, was vorher richtig und gut war.

Als Erstes merkte ich die Veränderung im Schulsystem, es gab auf einmal neue Fächer und andere sind dafür weggefallen. Und die vielen Freizeitaktivitäten wurden weniger, wir hatten jetzt öfters den ganzen Nachmittag frei und hingen dann in der Stadt rum oder waren bei Freunden zu Hause, da unsere Eltern meist arbeiten mussten. Doch trotz der Veränderungen machte ich weiter, wie ich es gelernt hatte, denn ich glaubte damals noch immer, wenn ich mich nur richtig anstrenge, dann wird alles wieder gut. Für die Schule lernte ich fleißig, damit ich weiterhin die Beste war und auch an den künstlerischen Freizeitaktivitäten, die noch angeboten wurden, nahm ich regelmäßig teil. Ich wollte damals, dass meine Eltern stolz auf mich sein konnten und mein Vater war immer stolz auf mich, wenn ich viel machte, viel unterwegs war und vor allem, wenn ich mich anstrengte, die Beste in allem zu sein, was ich machte. Ich strengte mich sogar ein wenig mehr an als früher, damit ich meine Eltern ganz sicher nicht enttäuschen würde.

Für meine Eltern schien sich jedoch ein wenig mehr zu ändern, sowohl beruflich als auch privat. Meine Mutter musste Überstunden machen, weil jetzt immer weniger Leute bei ihr im Labor arbeiteten und dann auch alles neu organisiert wurde. Außerdem kümmerte sie sich jeden Abend um den Haushalt, manchmal sogar bis spät in die Nacht, nur damit es bei uns zu Hause schön aussah. Das Einzige, um das sie sich in dieser Zeit kaum kümmerte, war ihr Aussehen. Früher achtete sie sehr darauf, dass sie modisch gekleidet war und immer gepflegt aussah. Durch die ganze Arbeit hatte sie keine Zeit mehr, sich um sich zu kümmern und ließ sich immer mehr gehen. Heute glaube ich auch, dass das der Grund war, warum mein Vater anfing, sich mit anderen Frauen zu treffen. Ich kenne es ja auch aus meinen Beziehungen, wenn ich mich gehen ließ, schauten sich die meisten Männer nach anderen Frauen um. Auf der anderen Seite verstehen aber die wenigsten Männer, wie viel Energie, Zeit und Geld das perfekte Aussehen kostet.

Aber nicht nur das Leben meiner Mutter bzw. meine Mutter an sich schien sich zu verändern, auch das Leben meines Vaters war plötzlich ein ganz anderes. Er verlor recht schnell seinen Job und da er schon immer vorhatte zu studieren, entschloss er sich, ohne zu zögern, zu einem Lehramtsstudium in einer anderen Stadt. Weil sein Studienort nicht gleich um die Ecke von unserem zu Hause lag, konnte er nicht jeden Tag nach Hause kommen und so blieb er manchmal für Wochen weg. Dazu kam, dass er damals auch noch einen Wochenendjob angenommen hatte, um sein Studium und uns zu finanzieren. Er arbeite viel für die Familie, denn mein Vater wollte nicht, dass wir wegen seines Studiums auf etwas verzichten mussten. Dadurch wurde die Anzahl seiner Besuche aber nochmals deutlich weniger und wenn er sich dann einmal ankündigte, freute ich mich schon Tage vorher auf seinen Besuch. Leider klappt es nicht immer, manchmal musste er kurzfristig absagen, da ihm was Wichtiges dazwischen gekommen war. Aber wenn es dann einmal so weit war, dann warte ich bis spät abends, nur um ihn zusehen, auch wenn ich am anderen Tag Schule hatte. Weil er meist nicht lange blieb, hatte meine Mutter auch nichts dagegen, wenn ich an diesen Tagen mal spät ins Bett gekommen bin, ansonsten hätte ich in dieser Zeit meinen Vater wahrscheinlich gar nicht gesehen. Manchmal frage ich mich aber, ob es nicht vielleicht besser gewesen wäre, so wäre manches vielleicht ganz anders verlaufen. Die Besuche meines Vaters wurden im Laufe seiner Zeit seines Studiums immer weniger, bis er dann einmal über mehrere Wochen nicht nach Hause kam und sich auch nicht meldete. In diesen Wochen legte ich mir lauter Entschuldigungen zurecht, warum er sich nicht melden konnte und auch nicht zu Besuch kam. Auf die Idee, dass er sich nicht melden wollte, wäre ich damals nie kommen.

In diesen Wochen stellte ich mir auch immer wieder die Frage: warum nicht alles so bleiben konnte, wie es war, vor dem Studium. Meine Mutter weinte in dieser Zeit viel, meist heimlich in ihrem Schlafzimmer oder im Bad, wo sie niemand störte, doch zu überhören war es selten. Aber jedes Mal, wenn mein Vater nach Hause kam, schien die Welt wieder in Ordnung zu sein. Alle waren glücklich: Ich, mein Vater und auch meine Mutter, es war wie vor dem Studium meines Vaters. Nur leider waren seine Besuche selten und häufig blieb er auch nicht lange, vielleicht mal einen Tag, meist aber nur ein paar Stunden. Dann ging er wieder und keiner von uns wusste, wann er das nächste Mal vorbeikommen würde. Manchmal brachte er auch eine Frau, eine Kommilitonin oder eine Arbeitskollegin, mit zum Essen und dann saßen wir da: ich, meine Mutter, mein Vater und die Frau. Meist schwiegen wir am Tisch, auch wenn mein Vater häufig versuchte ein Gespräch zu beginnen, sagte selten jemand mehr als ein, zwei Worte. In dieser Zeit kam es auch vor, das die Frauen bei uns übernachteten; selten und nur wenn meine Mutter nachts arbeiten musste oder bei ihren Geschwistern war. Obwohl ich oft da war, wenn die Frauen bei meinem Vater übernachteten, sagte ich meiner Mutter nie etwas. Ich hatte damals vor allem Angst, dass mein Vater dann vielleicht gar nicht mehr kommen würde. Die Frauen wechselten häufig und manche schienen auch noch sehr jung. Sie waren alle immer sehr schlank und achteten besonders auf ihr Aussehen, dass was meine Mutter schon lange nicht mehr machte, weil sie immer so viel zu tun hatte. Die Affären, die ich bis zu meinem Besuch in der Studentenwohnung meines Vaters ja wirklich für Kommilitoninnen gehalten hatte, blieben nie lange bei meinem Vater und am Ende kam er immer zu uns zurück, egal wie lange er bei einer anderen Frau gewesen war, irgendwann stand er wieder vor der Tür und wollte zu mir und meiner Mutter zurück. Meist versprach er dann, jetzt für immer da zu bleiben und mit den anderen Frauen aufzuhören, aber selten hielt er sich dran. Nach einigen Wochen kam er schon nicht mehr regelmäßig nach Hause. An einen seiner Spontanbesuche kann ich mich noch sehr gut erinnern: Es war ein Sonntagabend, am nächsten Morgen sollte ich eine wichtige Mathe-Arbeit in der Schule schreiben. Gegen elf Uhr klopfte meine Mutter an meine Zimmertür, ich hatte schon geschlafen, und sagte, dass heute noch mein Vater vorbeikommen möchte. Ich war sofort hellwach und bin gleich aufgestanden. Ich wartete dann mit meiner Mutter gemeinsam in der Küche bis er dann endlich gegen 2 Uhr morgens klingelte. Er klingelte immer, egal wie spät es war, obwohl er wahrscheinlich sogar heute noch den Schlüssel für die Wohnung meiner Mutter hat. So konnte er sich aber sicher sein, dass auch jeder mitbekam, wenn er mal nach Hause gekommen ist. Ich habe mich trotzdem sehr gefreut, ihn nach so langer Zeit wiederzusehen, aber leider sollte er auch diesmal nicht lange bleiben. Er brachte uns nur seine dreckige Wäsche, nahm frische mit und trank einen Kaffee mit uns, dann ging er auch schon wieder, weil er am nächsten Tag arbeiten musste und es sonst nicht rechtzeitig geschafft hätte.

An was ich mich auch noch sehr gut erinnern kann, sind seine Geschenke, die er immer wieder mitbrachte, wenn er vorbeikam, als ob er etwas gut zu machen hatte. Doch um seine Fehler wieder gut zu machen, hätten diese Kleinigkeiten nie ausgereicht. Es war meist nichts Besonderes, sondern viele kleine Dinge, die ich mir so nie gekauft hätte, aber immerhin dachte er damals noch daran, wenigstens etwas mitzubringen, was er später nicht mehr tat. Mein Vater verbrachte nicht nur viel Zeit mit den Frauen, die er von seinem Studium her kannte, sondern hatte auch zu Hause einen großen Freundeskreis. Wenn er dann einmal zu Hause wohnte, war er in seiner Freizeit bei seinen Freunden und so bekam ich ihn dann auch nicht allzu oft zu sehen. Manchmal jedoch, ganz selten, durfte ich mit, wenn mein Vater sich mit seinen Freunden getroffen hat. Er hat mich selten freiwillig mitgenommen, meist habe ich so lange gebettelt, bis er dann endlich einmal ja sagte und ich mitgehen durfte. Er hatte viele Freunde und die Mehrzahl waren recht jung, sowohl die Frauen als auch die Männer. Und auch wenn ich mir bei den Treffen immer wie das kleine, unwichtige Mädchen vorkam, das in der Ecke saß, schwieg und zuhörte, wenn sich die anderen darüber unterhielten, was sie schon alles in ihrem Leben erlebt hatten, war ich doch froh, dass ich die Zeit mit meinem Vater verbringen durfte. Ich glaube, bei diesen Treffen habe ich überhaupt erst die meisten Dinge über meinen Vater erfahren. Er war ja sonst nie da und wenn, dann erzählte er mir nie die ganzen Geschichten, die er erlebt hatte, wahrscheinlich aus Rücksicht auf meine Mutter, die ja die meiste Zeit zu Hause verbrachte.

Nachdem es einige Zeit hin und her ging, mein Vater sich ab und zu meldete und auch vorbeikam, kam irgendwann die Zeit, in der mein Vater wieder ganz verschwand. Ich wartete trotzdem jeden Tag darauf, dass er wieder kommen würde, doch er meldete sich nicht und meine Mutter wusste irgendwann auch nicht mehr weiter. Er war wie vom Erdboden verschluckt, auch seine Freunde, die meine Mutter einmal aus Verzweiflung anrief, wussten nicht, wo er war, wobei ich mir bei ihnen nie sicher sein konnte, ob sie die Wahrheit sagten oder nur meinen Vater schützen wollten. Nach ganzen zwei Monaten, die mir fast wie Jahre vorkamen, stand er dann wieder vor der Tür und ich freute mich so sehr, auch wenn ich doch etwas enttäuscht war, dass er sich so lange nicht bei uns gemeldet hatte. Wie immer brachte er mir auch diesmal Geschenke mit, die er angeblich in Spanien für mich gekauft hatte. Ich brauchte ihn auch gar nicht lange mit Fragen zu löchern, was er in Spanien gemacht hatte. Er erzählte mir die ganze Geschichte samt mehreren Gründen, warum er es nicht geschafft hatte, sich vorher bei uns zu melden. Es war wohl eine Exkursion vom Studium aus und er hätte erst sehr kurzfristig die Zusage erhalten, deshalb konnte er uns vorher nicht Bescheid geben. Damals glaubte ich ihm alles, heute bin ich mir sehr sicher, dass er uns einfach nicht Bescheid sagen wollte, aus Angst, dass wir vielleicht mitkommen könnten. Auch diesmal blieb er nicht wirklich lange, nach ein paar Tagen ging er mit frischen Sachen wieder los, zum Studium und um zu arbeiten. Er meinte nur, er wisse noch nicht, wann er wiederkommt, da es alles so stressig ist und er auch so langsam seine Abschlussarbeit schreiben müsste.

Diesmal wartete meine Mutter nicht darauf, dass er irgendwann wieder nach Hause kommen würde. Nach zwei Wochen des Wartens sagte sie mir, dass wir ihn besuchen fahren und uns einmal anschauen werden, was er so alles im Studium macht und wo er arbeitet. Ich freute mich sehr darauf einmal zu sehen, was er die ganze Zeit machte und wie es an einer Universität so abläuft. Viel wusste ich ja schon aus seinen Erzählungen, von der Universität, den Seminaren und den Arbeiten, wie viel er da immer zu tun hat und das er ganz selten die Möglichkeit hat, auszugehen, weil er ja immer lernen muss. Die Fahrt dauerte für mich ewig und je näher wir der Wohnung meines Vaters kamen, umso nervöser wurde ich. Ich kann mich noch sehr genau daran erinnern, wie wir ankamen. Die Stadt war viel größer als meine Heimatstadt und alles war so riesig, laut und fremd für mich. Wir parkten in einer kleinen Seitenstraße und meine Mutter beeilte sich, um zu meinem Vater zu kommen. Sie lief sehr schnell und ich bin kaum hinterhergekommen, stolperte einige Male und wäre auch fast gestürzt. Wir mussten noch ein ganzes Stück zu Fuß gehen, bis wir endlich bei dem Haus angekommen waren, in dem mein Vater jetzt lebte. Wir standen vor einem Neubaublock, der schon sehr heruntergekommen und dreckig aussah, nicht so sauber wie bei uns zu Hause. Ein Bewohner kam aus dem Haus und machte uns die Tür auf. Wir konnten dadurch gleich hineingehen, sonst hätten wir schon unten klingeln müssen. Die Gänge waren genauso dreckig und hässlich wie das ganze Haus, außerdem war es sehr dunkel und das flackernde Neonlicht machte das Haus nicht gerade sympathischer. Der Aufzug ging nicht, sodass wir bis in die siebte Etage hinauf laufen mussten. Eigentlich sind wir den ganzen Weg gerannt. Im Treppenhaus war das Geländer kaputt, trotz der vielen Fenster auf jeder Etage, war es düster und immer wieder stolperte ich auf dem Weg nach oben. Dann endlich schienen wir angekommen zu sein, wir standen vor einer Tür mit der Nummer 715. Die rot gestrichene Tür sah genauso heruntergekommen und kaputt wie das ganze Haus aus und damals konnte ich mir nicht vorstellen, dass mein Vater hier wohnen sollte. Meine Mutter zögerte erst, aber dann klingelte sie doch. Wir hörten es tuscheln und rascheln, bis dann endlich die Tür aufging, vergingen Minuten. Aber anstatt meines Vaters stand eine Frau vor uns. Sie war ca. 10 Jahre jünger als meine Mutter und hatte blonde schulterlange Haare, die sehr schön zu recht gemacht waren. Sie war leicht geschminkt und sehr gepflegt. An Kleidung hatte sie nicht wirklich viel an, einen Morgenmantel, der ihre schlanke Figur betonte und unter dem sich ihre großen Brüste abzeichneten. Darunter trug sie wahrscheinlich nichts weiter, sie wirkte wie gerade erst aufgestanden, als ob wir sie geweckt hatten. Nach dem ich mir die Frau genau angesehen hatte, schaute ich in die Wohnung hinter ihr und da saß er, mein Vater. Er hatte nur Shorts an und sah ebenfalls aus, wie gerade erst aufgestanden. Außerdem lachte er, etwas an was ich mich sonst kaum bei ihm erinnern konnte. Für mich war es seltsam, ihn Lachen zu sehen, da ich ihn nur sehr ernst oder nachdenklich kannte oder er war so in Eile, dass er kaum die Mine verzog, wenn man kurz mit ihm redete. Aber hier schien er glücklich zu sein, dass, was er scheinbar schon lange nicht mehr bei uns zu Hause war. War er deshalb nur noch selten nach Hause gekommen, weil er nicht mehr bei uns glücklich war? Die ganze Situation an sich war komisch, die fremde Frau, meine Mutter und mein Vater, der zwar erstaunt, aber nicht besonders überrascht schien. Es herrschte einige Momente eisige Stille. Die Minuten, die es eigentlich nur gedauert haben kann, kamen mir wir Stunden vor. Dann bewegte sich meine Mutter. Sie schob die fremde Frau zur Seite und zog mich am Ärmel in die Wohnung. Da stand ich nun vor meinem Vater und meine Mutter hinter mir. Sie drückte mich noch ein Stück weiter nach vorn und sagte mit ihrer leisen und beherrschten Stimme: Er solle sich doch einmal wieder um seine Tochter kümmern und falls er sich nicht mehr an sie erinnern kann, weil er doch so selten zu Hause sei, hier ist sie. Ich stand vor meinem Vater und konnte nicht reagieren oder überhaupt einen Ton von mir geben. Danach drehte sie sich um und zog mich wieder aus der Wohnung. Es muss alles sehr schnell gegangen sein und dennoch kam es mir wie eine Ewigkeit vor. Der Weg bis zum Auto schien unendlich lang zu sein, obwohl meine Mutter mit mir die ganze Strecke zurückrannte, brauchten wir lange, bis wir wieder beim Auto ankamen. Die ganze Fahrt nach Hause schwieg sie und auch als wir wieder in unserer Wohnung waren, sagte sie kein Ton. Sie ging in ihr Zimmer und schloss sich dann bis zum nächsten Tag ein. Ich setzte mich gleich an das Küchenfenster, welches zur Straße hinausging, um zu sehen, ob uns mein Vater hinterher gefahren war und wieder nach Hause kommen würde. Doch er kam nicht und irgendwann muss ich beim Warten eingeschlafen sein, jedenfalls weckte mich am nächsten Morgen meine Mutter. Ich musste zur Schule.

Es dauerte ganze drei Monate, bis er wieder vor der Tür stand und versprach bei uns zu bleiben, diesmal angeblich für immer. Anfänglich schien auch alles perfekt zu laufen. Er hatte sein Studium schon so gut wie abgeschlossen und musste nur noch für die Prüfungen weg. Er konnte zu Hause lernen, was er diesmal auch machte. Ich freute mich sehr, dass er nun endlich wieder Zeit für mich hatte und wir wieder viel miteinander unternehmen konnten. Wir gingen zusammen Einkaufen oder spazieren, manchmal sind wir weggefahren und haben ein ganzes Wochenende irgendwo anders verbracht, zu dritt und ohne Freunde von meinem Vater. Auch meiner Mutter schien es besser zu gehen, sie war immer mit dabei und achtete jetzt auch wieder mehr auf ihr Aussehen. Es war, als ob es die Zeit seines Studiums nie gegeben hatte. Doch leider hielt die schöne Zeit nicht ewig an. Eigentlich war sie sogar sehr kurz, es kam mir damals nur wesentlich länger vor. Am Ende blieb er noch nicht einmal zwei Monate, dann fing er wieder an, nicht regelmäßig nach Hause zu kommen und wenn er da war, hatte er immer öfter etwas zu tun, sodass er die Zeit nicht mehr mit uns verbringen konnte. Sehr schnell war mir damals klar, dass er nicht nur lernte oder arbeiten musste, sondern wieder eine Affäre hatte, die waren ja immer der Grund, warum er von zu Hause wegblieb. Ich verstehe bis heute noch nicht, warum er sich immer wieder andere Frauen suchte, denn meine Eltern stritten nie, sie unterhielten sich noch nicht einmal laut und meine Mutter freute sich jedes Mal, wenn er nach Hause kam oder mit uns was unternahm. Wir hatten auch immer Zeit für meinen Vater, wenn er mal wieder da war, sodass er sich garantiert nicht vernachlässigt vorkam, aber trotzdem, so richtig lange hielt er es nie bei uns aus. Die Zeiträume, die er immer wieder verschwunden war, wurden stets länger, erst Wochenenden, dann Wochen. Wir haben kaum etwas von ihm erfahren, wie es ihm ging, was er macht oder Ähnliches, nur in einen Nebensatz sagte er mal, dass er sein Studium geschafft hatte und jetzt eine Anstellung in einer Familienberatungsstelle gefunden habe. So erfuhren wir auch, dass er wohl keine andere Wohnung mehr hatte und wenn er nicht bei uns übernachtete, dann musste er in dieser Zeit bei einem seiner Freunde oder einer Bekannten schlafen. Trotz, dass wir wussten, was er machte, konnte er immer wieder nach Hause kommen. Meiner Mutter war es lieber, wenn er sich wenigstens ab und zu um die Familie kümmert, ansonsten wäre er wohl gleich ganz verschwunden, so dauerte es noch ein paar Monate.

Ich war gerade 15, als mein Vater dann endgültig die Wohnung meiner Mutter verließ. Er nahm alles mit, was er brauchen konnte, der Rest stand dann noch Jahre bei ihr rum. Er entschloss sich damals, mit seiner Neuen noch einmal von vorn zu beginnen. Sie war gerade 20, halb so alt wie mein Vater, und arbeitete als freie Künstlerin. Sie war sehr hübsch, hatte lange schwarze Haare mit leichten Locken und war sehr schlank. Bis zu einem gewissen Grad war sie der blonden Frau von damals in seiner Wohnung ähnlich, auch sie trug auffällige, körperbetonte Kleidung, für meine Vorstellung etwas zu freizügig, aber meinem Vater schien so etwas zugefallen. Ich mochte Sie jedoch überhaupt nicht. Sie war arrogant und glaubte immer alles besser zu können als ich, nur weil sie Künstlerin war, meinte sie meine kreativen Fähigkeiten beurteilen zu dürfen. Ich war mir ganz sicher, dass sie eigentlich immer nur von mir kopierte, denn alles, was sie machte, erinnerte mich an meine Sachen. Wenn ich ihr Mal begegnete, da ich meinen Vater auch ab und zu sehen wollte, stritten wir uns regelmäßig darüber, wer von uns besser sei und mein Vater musste immer entscheiden, wer mehr Talent von uns hätte. Doch er traf nie eine Entscheidung für mich oder sie, entweder lachte er nur und schwieg oder er hatte keine Zeit, sich das Mal genauer anzuschauen, aber versprach, es irgendwann später zu machen. Er kam nie dazu. Das Schlimmste an dieser Frau war aber, dass sie mir meinen Vater weggenommen hatte und sie es mir auch immer zeigen mussten, wenn sie ihm mal wieder wichtiger war als ich. Damals wollte ich meinen Vater zurückhaben und ich wollte, dass meine Familie wieder zusammen ist und dafür tat ich viel. Ich verbrachte sogar Zeit mit dieser Frau, nur um meinem Vater zu zeigen, dass er es bei uns zu Hause besser haben würde. Doch es schien nichts zu helfen, egal wie sehr ich ihn darauf aufmerksam machte, dass sie doch schon lange einen anderen hatte und sich nur von meinem Vater aushalten ließ, da sie von ihrer Kunst nicht leben konnte. Er blieb bei ihr. Ich hatte natürlich keine Beweise, dass zwischen ihr und dem Galeristen wirklich etwas lief, aber wenn eine Frau sich regelmäßig mit einem Mann trifft, dann läuft da garantiert mehr als nur Arbeit, das wusste ich von meinem Vater, der mit jeder Frau eine Affäre hatte, mit der er sich öfters traf. Ich selbst habe später auch oft genug die Erfahrung gemacht, dass Männer selten einfach so sich für eine Frau interessieren.

Trotz meiner Versuche die beiden auseinander zu bringen, hat mein Vater mich dennoch ab und zu abgeholt und wir haben gemeinsam etwas unternommen. Er war nicht sauer. Aber sehr schnell merkte ich, dass er dies nur tat, wenn sie nicht da war und auch kein anderer für ihn Zeit hatte. Damals glaubte ich, er muss einfach so viel arbeiten und hat noch andere Verpflichtungen, von denen ich noch nichts wissen konnte, aber heute bin ich mir sicher, dass ich schon immer für ihn die zweite Wahl war und er lieber mit allen anderen die Zeit verbrachte, als alleine mit mir. Wenn er dann doch einen Anruf von Freunden bekommen hatte, als ich bei ihm war, hat er mich dann manchmal mit zu ihnen genommen. Er stellte mich ihnen vor, so wie es sich gehörte, danach war ich nur noch schweigender Gast. An den Abenden habe ich mich häufig gelangweilt. Ich saß im Kreis lauter Männer und Frauen, die alle so um die 10 Jahre älter waren als ich und keiner schien sich für mich zu interessieren. Ich saß, wie eigentlich immer, still in der Ecke und hörte den Gesprächen zu. Ab und zu fragte mich mal jemand, ob ich was trinken möchte, aber meist sprach keiner mit mir. Ich war unsichtbar, das, was ich eigentlich nie sein wollte und wo gegen ich mein ganzes Leben angekämpft habe. Manchmal, wenn mein Vater dann plötzlich weg musste, kam es sogar vor, dass ich von einem seiner Freunde nach Hause gebracht wurde. Ich weiß nicht, ob er mich damals häufig vergessen hätte, wenn nicht einer seiner Bekannten nachgefragt hätte, wie denn seine Tochter nach Hause kommt. Er nahm sich selten die Zeit, mich nach Hause zu bringen und delegierte es an irgendjemanden aus der Runde weiter, als ob es sich um eine undankbare Aufgabe gehandelt hätte, wie den Müll rausbringen. Auf der Heimfahrt konnte ich mich dann etwas mit den Bekannten unterhalten und sie schienen alle sehr nett zu sein, jedenfalls, wenn ich mit ihnen alleine war.

Chapter 4 - Lars und der Anfang vom Ende

Doch nicht nur die neuen Freunde meines Vaters lernte ich kennen, sondern auch seine Patienten. Wir trafen uns oft in der Familienberatungsstelle, in der er nach seinem Studium arbeitete. Hier hatte er nur für mich Zeit und keine andere Frau oder irgendwelche Freunde waren mit dabei, mit denen er sich lieber unterhalten hätte als mit mir.

In den großen und doch recht kalten Räumen, an jeglicher Dekoration fehlte es, lernte ich an einen verregneten Novembertag 1996 Lars kennen. Ich wollte gerade meinen Vater von seiner Arbeit abholen und da rannte er mich fasst um, als er aus dem Büro meines Vaters kam. Ich habe ihn sofort erkannt, denn mein Vater hatte schon viel von ihm erzählt. Ich wusste schon, bevor wir überhaupt ein Wort gewechselt hatten, dass seine Eltern in Scheidung lebten und er viele Probleme mit seinem Vater und in der Schule hatte. Ich hatte ihn mir nur etwas anders vorgestellt. Er war groß, dunkelhaarig und sah in seiner weiten Hose und dem XXL T-Shirt ein wenig schlaksig aus. Die Haare und seine Kleidung waren auch nicht sonderlich gepflegt, wobei ich dies schon erwartet hatte, denn nach meinem Vater schien er die meiste Zeit auf der Straße und in Clubs zu verbringen und nur im Notfall mal nach Hause zu gehen. Trotz seines ungeordneten Lebens war er wohl häufig im Zentrum, jedenfalls sagte mein Vater das. Er kam auch regelmäßig zu den Besprechungen, die mein Vater anbot und schien jede Hilfe anzunehmen, damit er wieder ein geordnetes Leben führen könnte. Soweit ich weiß, hatte er sogar an verschiedenen Kursen zur Freizeitgestaltung teilgenommen, die die Beratungsstelle angeboten hat, wobei ich dies nach meinem ersten Eindruck kaum glauben wollte. Als er mich damals beim Gehen fast umrannte, musste sich einfach ein Gespräch ergeben. Der Zusammenprall war schon mehr als ein kleiner Schubser und da würde man schon eine Entschuldigung erwarten, die dann auch prompt von ihm kam. Mein Vater hatte an diesem Tag noch einen weiteren Patienten, er stellte uns noch kurz vor und meinte dann, wir könnten doch in die Kantine gehen und dort auf ihn warten. Es war schon spät am Nachmittag, kaum noch jemand anderes war in der Kantine. Wir hatten sie, bis auf die Bedienung, für uns allein. Ein Gespräch kam zwischen uns jedoch nur stockend in Gang. Nach den typischen Fragen: Wie man heißt, wie alt man ist, was man so macht und so weiter, war es zunächst schwierig, ein gemeinsames Thema zu finden. Lars war übrigens auch 16, wie ich, doch eigentlich wusste ich auch das schon vorher. Nach einem kurzen Moment des Schweigens fingen wir an, über unsere Familien und Eltern zu reden. Seine Eltern, wie auch meine, lebten getrennt. Er verstand sofort, wie ich mich fühlte, und so redeten wir ewig und haben nicht mitbekommen, wie die Zeit verging. Aber nicht nur über unseren Eltern redeten wir, sondern auch über unsere Interessen und Hobbys. Lars erzählte viel darüber, was er alles schon erlebt hat, da seine Eltern sich kaum um ihn kümmerten, konnte er die meiste Zeit machen, was er wollte. So ging er am Wochenende immer in die bekannten Clubs und feierte die Nächte durch. Er kannte viele wichtige Leute und kam auch überall rein, obwohl er noch nicht volljährig war. Lars versprach mir, mich später einmal mitzunehmen und mir alles zu zeigen. Bei unserem Gespräch kam auch raus, dass Lars nur in das Familienzentrum ging, weil seine Eltern ihn hinschickten, damit er seine Schule gut machte und nicht abrutscht. Die Freizeitaktivitäten, von denen mein Vater erzählte, belegte Lars, um neue Leute kennenzulernen, mit denen er dann feiern gehen konnte. Ich war fasziniert von seinem Leben, von dem was er alles machte und er versprach mir, mich beim nächsten Mal mitzunehmen, wenn er mal wieder ausgehen würde. Ich sagte Lars auch gleich zu, da ich auf jeden Fall mehr vom aufregenden Nachtleben der Stadt sehen wollte. Wir verstanden uns gut und hatten uns viel zu erzählen, deshalb merkten wir nicht, wie spät es geworden war. Erst als mein Vater kam und ganz verwundert war, dass wir noch immer da saßen, fiel uns auf, dass es draußen schon dunkel geworden war. Aus Angst Lars vielleicht wieder aus den Augen zu verlieren, denn trotz seines ungepflegtem Aussehen war ich damals sofort von ihm begeistert, fragte ich ihn, ob er vielleicht gleich morgen Zeit hätte, damit wir weiter reden können. Und er hatte. Wir verabredeten uns für den Nachtmittag am Eingang der Beratungsstelle, gleicher Ort, gleiche Zeit.

Auf dem Heimweg fragte ich meinen Vater über Lars aus. Ich wollte so viel wie möglich über ihn wissen. Weil mein Vater ihn regelmäßig sah, dachte ich, er könne mir noch einiges erzählen, vielleicht auch etwas, was ich noch nicht wusste. Durch meine vielen Fragen bemerkte mein Vater schnell, dass ich mich für Lars interessiere. Doch leider redete er nicht von alleine weiter, sodass ich ihn direkt nach Lars und dem, was ich wissen wollte, fragen musste. Er erzählte mir, dass Lars schon über ein halbes Jahr lang regelmäßig in die Beratungsstelle kam und hier auch viele Leute kennengelernt hat, was ich natürlich schon alles wusste. Dass ich an weiteren Details interessiert war und dass, was er mir gerade erzählte, alles schon wusste, schien auch mein Vater irgendwann zu merken und so fing er an, langsam über die interessanten Dinge zu reden. Er erzählte, dass Lars gerne ausgeht und es mag, wenn die Mädchen nicht nur zu Hause rumhängen, sondern gerne und häufig mit ihm auf Partys gehen. Ich fragte meinen Vater, ob Lars schon viele Freundinnen hatte und vor allem, wie diese so waren, falls er sie denn gekannt hatte. Mein Vater schien Lars wohl dann doch nicht ganz so gut zu kennen, wie er anfangs erzählt hatte. Er wusste zwar, dass Lars drei Freundinnen hatte, aber meinte, meistens reden sie vor allem über die Schule und die Familie, deshalb konnte er auch nicht sagen, wie sie so aussahen und was ihm an ihnen gefallen hat bzw. nicht gefallen hat. Nur die eine hatte er mal kennengelernt, ich kannte sie sogar auch. Wir waren zusammen zur Schule gegangen. Sie hat das Gymnasium dann aber sehr schnell abbrechen müssen. Damit hatte ich auf jeden Fall schon einmal einen Vorteil ihr gegenüber, denn ich bin nicht von der Schule geflogen. Mein Vater fand sie trotzdem ganz nett, aber nichts Besonderes, sodass ich mir sehr gute Chancen bei Lars einräumte.

Als wir bei der Wohnung meines Vaters ankamen, wartete auch schon seine Geliebte mit dem Essen auf ihn. Ich hörte sofort auf weiter nach Lars zu fragen, sie ging mein Leben ja nichts an. Die beiden fingen gleich an über ihren Arbeitstag redeten und ich hatte genügend Zeit in Gedanken den nächsten Tag zu planen. Was ziehe ich an? Wohin gehen wir? Und wie kann ich ihn am besten von mir überzeugen? Nach unseren Abendessen brachte mein Vater mich dann zu meiner Mutter. Während der Autofahrt redeten wir kaum ein Wort, doch da es eh nur fünf Minuten dauerte, bis zur Wohnung, war es auch nicht schlimm. Den restlichen Abend verbrachte ich in meinem Zimmer beim Fernsehen. Meiner Mutter wollte ich noch nichts von Lars erzählen, denn ich hatte Angst, dass sie mir das Treffen vielleicht verbieten würde. Sie war ja immer der Meinung erst die Schule und dann die Jungs. In der Schule lief es gerade nicht mehr ganz so gut, jedenfalls hatte ich mittlerweile nicht mehr nur Einsen und Zweien, sodass meine Mutter mich am Liebsten nur noch beim Lernen gesehen hätte. Und Jungs? Ihrer Meinung hätte ich damit noch lange warten können, am besten so lange, bis ich alt und grau gewesen wäre. Manchmal wünsche ich mir jetzt, dass ich es gemacht hätte. Was wäre dann wohl aus mir geworden?

An diesem Abend lief nichts Interessantes im Fernseher und ich entschloss mich früh ins Bett zu gehen, dann würde ich wenigsten zu meinem ersten Date mit Lars, richtig ausgeschlafen sein und hätte keine komischen Augenringe oder Ähnliches.

Am nächsten Morgen war ich früh wach und konnte auch nicht mehr einschlafen. Ich war so aufgeregt und freute mich schon sehr auf mein Treffen am Nachmittag. Von der Schule bekam ich an diesem Tag nicht viel mit, ich überlegte lieber, wie ich Lars am besten beeindrucken könnte. Wie könnte ich ihn am besten davon überzeugen, dass ich nicht langweilig bin? Und wie sah gleich noch mal seine Ex aus? Was hatte die immer an? Da ich in der Schule meist sehr unauffällig gekleidet war, ich wollte ja nicht andauernd dran kommen, entschloss mich nach der Schule schnell noch einmal nach Hause zu gehen, um mich umzuziehen. Ich wollte Lars ja beeindrucken und mich nicht vor ihm verstecken.

Beim Durchsuchen meines Kleiderschranks wurde mir damals sehr schnell klar, dass ich nicht wirklich viele gute Klamotten hatte, in den meisten sah ich aus wie ein kleines Kind. Meine ganze Kleidung erinnerte mich an ein 12-jähriges Mädchen, das entweder fleißig lernt oder mit Puppen spielt, so was konnte ich einfach nicht zum Treffen mit Lars anziehen. Das Einzige, was ging und womit ich Lars beeindrucken könnte, waren ein paar schwarze Sachen, in denen ich erwachsener aussah und die ganz ohne komische Muster und Bildchen waren. Ich hatte sie vor einiger Zeit einmal gekauft, da mein Vater mit mir zu meinem Geburtstag in ein edles Restaurant gehen wollte. Er hat es nie gemacht, aber so hatte der Kauf dann doch noch einen Sinn. Meine Mutter mochte die Sachen überhaupt nicht. Ich sah in ihnen wohl immer älter aus, als ich eigentlich war und sie hatte Angst, dass dadurch auch Männer auf mich aufmerksam werden könnten. Doch so viel andere Kleidungsstücke hatte ich nicht zur Auswahl und außerdem wollte ich ja erwachsen wirken, sodass ich mich am Ende für die Sachen von meinem Geburtstag entschied. Ich zog den schwarzen Rock aus Filz an, da es im November recht kühl ist und ich nicht die ganze Zeit frieren wollte, kombiniert mit einer dicken Strumpfhose, die passende Bluse, auch in schwarz, die machte das Outfit etwas eleganter, und damit es auch etwas wilder und individueller aussah, schwarze Boots, die mir bis kurz über die Knöchel reichten. Die Schuhe hatte mir mein Vater für unsere gemeinsamen Wanderungen gekauft, die wir nie gemacht haben, sodass sie noch ganz neu waren und ich sie auch in der Stadt anziehen konnte. Bei meinem Haaren entschloss ich mich für einen einfachen Dutt, damit ich älter und reifer aussah und auf Make-Up verzichtetet ich ganz, denn ich wusste von seiner Ex, dass diese auch immer sehr natürlich aussah und ich wollte Lars ja nicht gleich beim ersten Treffen abschrecken. Die Zeit schien beim Anziehen wie im Flug zu vergehen, da ich nicht gleich zum ersten Date zu spät kommen wollte, beeilte ich mich. Ich warf schnell noch einen Blick in den großen Spiegel im Flur, ob auch alles perfekt saß und machte mich dann auf den Weg ins Beratungszentrum.

Lars sah ich schon von Weitem, er schien schon einige Zeit auf mich zu warten. Wahrscheinlich war er genauso aufgeregt wie ich. Während ich auf ihn zuging, schaute ich ihn mir ganz genau an, wie er so locker an der Wand gelehnt da stand. Er hat, wie schon bei unserem Kennenlernen, geraucht. Obwohl ich Rauchen eigentlich ziemlich doof fand, bei Lars sah es einfach nur cool aus. Ich überlegte, ob ich gleich nach einer Zigarette fragen sollte, nicht dass er mich sonst für langweilig und spießig halten würde. Aber ich ließ es dann sein, weil meine Mutter das später garantiert mitbekommen und ich vielleicht noch Hausarrest bekommen hätte. Außerdem hatte ich Angst, dass Lars mitbekommen würde, dass ich noch nie geraucht hatte und sich dann über mich lustig macht. Lars merkte nicht, dass ich auf ihn zuging, er war ganz in seinen Gedanken verloren, so konnte ich aber sein Gesicht ganz in Ruhe beobachten. Er schien sehr entspannt zu sein, leicht lächelte er und die großen Augen starrten irgendwo ins Nichts. Ich begrüßte ihn mit einem netten „Hi, wie geht´s?“ und zu meiner Überraschung umarmte mich Lars gleich. Ich musste wohl doch einen bleibenden Eindruck bei ihm hinterlassen haben. Unser erstes Treffen war, wie zuvor das Kennenlernen, sehr schön. Wir gingen ganz klassisch ein Eis essen und er lud mich ein, wie es sich gehört. Wir redeten sehr viel und ich fühlte mich verstanden, wie von niemanden zu vor. Nach dem Essen gingen wir noch etwas in der Stadt spazieren und Lars erzählte mir, was er alles noch in seinem Leben machen möchte und dass er sich vorstellen kann, dass auch ich noch viel erreichen werde. Er würde mich dabei gerne unterstützen, da es mir ja gerade nicht so gut ging, weil meine Eltern in Trennung lebten. Er fragte mich auch gleich beim ersten Date, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm auszugehen, am selben Abend noch. Ich sagte sofort zu. Ich wollte unbedingt wissen, wo er immer abends hinging, denn so, wie er erzählte, kam er in alle angesagten Clubs rein. Doch bevor ich ausgehen konnte, wollte ich mir schnell noch was anderes anziehen, was Passendes zum Tanzen, nicht dass es so wirkte, als ob ich noch nie ausgegangen wäre und deshalb auch nicht wüsste, was man in einem Club so trägt. Auch wenn es damals der Wahrheit entsprochen hätte, ich wollte mir vor Lars einfach nicht die Blöße geben und ich würde das heute auch immer wieder tun. Manchmal bringt einen der falsche Schein weiter, als die Wahrheit. Ich sagte Lars Bescheid, dass ich noch einmal nach Hause muss, weil ich angeblich etwas vergessen hatte und er schlug vor, dass wir uns dann später gegen Mitternacht am Marktplatz treffen könnten, früher würde sowieso nicht viel los sein. Lars wollte mit mir zur Fabrik rausfahren, die war zu der Zeit der angesagteste Club in der Stadt und ich wollte unbedingt wissen, wo sich die beliebten Leute trafen. Eigentlich wollte ich auch dazugehören, obwohl ich es mir damals nicht eingestehen wollte, denn ich war Stolz darauf kaum einen Trend mitzumachen und bin es heute immer noch.

Zu Hause angekommen war auch meine Mutter da und so musste ich ihr von der Party erzählen, obwohl ich lieber einfach nur einen Zettel geschrieben hätte. Sie war nicht begeistert, dass ich ausgehen wollte, sie fand mich damals noch zu jung und manchmal, wenn ich später darüber so nachdachte, konnte ich es nachvollziehen, was sie damit meinte. Aber an diesem Abend ließ sie mich dann doch gehen, vor allem weil es Freitag war und ich am nächsten Tag nicht in die Schule musste. Von Lars hatte ich ihr aber noch nichts erzählt und sie wunderte sich, warum ich denn auf die Idee komme, jetzt ausgehen zu wollen, denn sonst habe ich die Wochenenden lieber zu Hause verbracht und meist mit meiner Mutter zusammen ferngesehen, gelesen oder einfach gar nichts gemacht. Damals schon meinte meine Mutter: Ich werde wie mein Vater, der auch nie zu Hause ist und lieber die Nächte, wo anders verbringt, als mit ihr etwas zu unternehmen. Doch bei ihrer ganzen Predigt hörte ich kaum mehr zu. Ich war vielmehr damit beschäftigt, zu überlegen, was ich anziehen kann, damit Lars mir nicht ansah, dass ich zum ersten Mal ausging und eigentlich noch keine Ahnung von Nachtleben hatte. Wie schon bei unserem ersten Date entschloss ich mich auch diesmal auf viel Farbe zu verzichten und blieb bei meinen schwarzen Kleidern. Ich zog ein schwarzes, knielanges Kleid an, dazu trug ich die Boots, die ich eigentlich später immer trug, wenn ich mit Lars unterwegs war. Und weil es schon recht kalt war, zog ich dazu meine schwarze Daunenjacke an. Damals trugen noch nicht so viele, wie heute diese Art von Jacken. Ich glaube, ich bin regelmäßig mit ihr aufgefallen. Meine Haare steckte ich für den Abend locker hoch, damit es zwar elegant, aber nicht streng aussah und diesmal benutze ich auch etwas Make-Up. Vor allem meine Augen betonte ich mit schwarzem Kajal, deckte einige kleine Pickel ab, die ich meist bekam, wenn ich nervös war. Erst wollte ich noch einen Lippenstift benutzen, erinnerte mich aber daran, dass Männer nicht so sehr auf Lippenstift stehen und ich wollte ja Lars gefallen, vielleicht auch geküsst werden von ihm. Dann machte ich mich schnell auf den Weg zu Lars, ohne noch mal mit meiner Mutter zusprechen, die hätte mir wahrscheinlich nur eine Zeit gesagt, wann sie erwartete, dass ich wieder daheim sein sollte. Doch ihre Fürsorge kam zu diesem Zeitpunkt schon zu spät.

Auf dem Weg zum Marktplatz dachte ich darüber nach, was Lars von mir erwartet und wie ich mich am besten verhalten sollte, da ich selbst ja noch unerfahren war. Auch wenn ich schon damals häufig mit meinem Vater darüber sprach, was Jungs von einem Mädchen erwarten und wie ich mich am besten Verhalten soll, damit der Junge mich auch mag, hatte ich noch keine Erfahrungen gesammelt und war etwas nervös. Heute weiß ich, dass all die gut gemeinten Ratschläge meines Vaters, was Männer anging, mir nicht wirklich geholfen hatten, vielmehr haben sie mich dahin gebracht, wo ich heute bin. Manchmal frage ich mich, warum ich nie auf meine Mutter gehört hatte, aber jedes Wort meines Vaters für richtig gehalten habe.


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