Wiener Intermezzo © Copyright 2012 Marie Andrevsky
Smashwords Edition
Published by Marie Andrevsky at Smashwords
Umschlagabbildung: Elisabeth Vigée-Lebrun
Alle Rechte vorbehalten. Ein Nachdruck oder eine andere Verwertung ist nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin gestattet
Marie Andrevsky
Marie Andrevsky lebt mit ihrer Familie in Wien. Sie spricht mehrere Sprachen und erlag schon früh der Faszination des Schreibens. Ihr Interesse für Völkerkunde und Mythologien fremder Länder spiegelt sich auch in ihrem schriftstellerischen Schaffen wider. Inspiration holt sie sich bei Reisen und beim Stöbern in verstaubten Geschichtsbüchern
Unter dem Namen Fran Henz erzählt sie Geschichten, in denen sich Realität und Phantastik miteinander vermischen
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Der Stachel der Erinnerung - Zeitreiseroman
Die Hexe und der General - Zeitreiseroman
Wiener Menuett – hist. Liebesroman
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Liebe sieht mit dem Herzen - hist. Liebesroman
Der geheimnisvolle Ring - hist. Liebesroman
Träume – hist. Liebesgeschichte
Der Tod zu Wien – Zwei Kriminalfälle aus dem Wien Maria Theresias
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Wiener Intermezzo
Das Laub der Bäume schimmerte in der morgendlichen Herbstsonne und spiegelte sich in der glatten Oberfläche eines kleinen Weihers. Baron Rudolf von Krieglach ließ seinen Fuchswallach im Schritt gehen und genoss die friedliche Stimmung.
Die Einladung des Grafen Karlesky auf sein Jagdschloss in Althof hatte willkommene Abwechslung in Rudolfs Leben gebracht. Zwar gehörte er nicht zu jenen, die sich mit Freude daran machten, Hirsche und Hasen durchs Unterholz zu hetzen, aber die engen, verstopften Gassen von Wien eine Woche lang mit der Weite des Marchfelds zu vertauschen, besaß durchaus seinen Reiz.
Es war noch früh am Morgen. Außer ihm waren nur Bauern und Landarbeiter unterwegs, um die Felder für die nächste Aussaat vorzubereiten. Alle anderen Gäste schliefen noch tief und fest. Graf Karlesky hatte am Vorabend ein opulentes Frühstück für zehn Uhr angekündigt, da der erste gemeinsame Jagdausflug erst am nächsten Tag stattfinden sollte. Diese Gelegenheit nutzte Rudolf - notorischer Frühaufsteher, der er war - um sich in der Gegend umzusehen und die Stille zu genießen.
Er umrundete den Weiher in einiger Entfernung, beobachtete eine Weile die Wasservögel und das Wild, das zur Tränke kam, und machte sich schließlich mit einem Gefühl des Bedauerns auf den Rückweg. Unweit vom Karlesky-Schlösschen erregte ein roter Farbfleck mitten in der abgemähten Wiese seine Aufmerksamkeit. Er ritt darauf zu und stellte fest, dass es sich um ein rotes Band handelte, das sich um einen breitkrempigen, mit Seidenblumen geschmückten Strohhut wand.
Rudolf richtete sich im Sattel auf und blickte sich suchend um, konnte aber niemanden erkennen. Also stieg er ab und hob den Hut auf. Unschlüssig drehte er ihn in der Hand und sah sich nochmals um. Da entdeckte er den Zipfel eines blauen Kleides, der hinter einem Baumstamm hervorlugte und ging darauf zu.
Eine Frau saß an den Baum gelehnt und beugte den Kopf über das Buch in ihren Händen. Ihre Füße hatte sie unter den weiten Leinenrock gezogen, der sich um sie bauschte. Sie war völlig in ihre Lektüre vertieft und bemerkte ihn nicht einmal, als er vor ihr stehen blieb. „Ihr habt etwas verloren.“
Ihr Kopf ruckte hoch und Rudolf merkte, dass er sich getäuscht hatte. Das war keine Frau, sondern ein Mädchen von höchstens vierzehn, fünfzehn Jahren. Große graue Augen sahen ihn erschrocken an und glänzende braune Locken umrahmten ein kindlich frisches Gesicht.
„Oh, vielen Dank. Der Wind muss ihn weggeweht haben. Was für ein Glück, dass Ihr ihn gefunden habt. Meine Mutter würde mich umbringen, wenn er verloren geht.“ Sie kniete sich auf und nahm ihm den Hut aus der Hand. „Die Fürstin Estany hat ihn mir geschenkt.“
Ihre Worte und das einfache Leinenkleid verstärkten seine Vermutung. Sie war anscheinend die Tochter eines Pächters oder Hauslehrers, die gnädigerweise die abgelegte Garderobe der Herrschaft auftragen durfte.
„Da bin ich ja froh, dass ich ein Leben gerettet habe, so früh am Morgen“, erwiderte er trocken.
Ein Lächeln erschien auf dem Gesicht des Mädchens und zauberte zwei Grübchen in ihre Wangen. „Ihr kennt meine Eltern nicht, ich meine es durchaus ernst.“
Sie würde reizend aussehen, wenn sie einmal erwachsen war, dachte Rudolf und verbeugte sich übertrieben tief. „Lasst es mich wissen, wenn ich einen Drachen für Euch töten soll, holde Maid.“
Ihr glockenhelles Lachen wärmte sein Herz und brachte ihn selbst zum Lächeln. „Das werde ich, edler Ritter.“
Mit einem Nicken wandte er sich ab und ging zu seinem Pferd zurück.
Clara legte den Hut neben sich und blickte dem Reiter nach. Dann versuchte sie sich wieder auf die Handlung des Romans zu konzentrieren, aber ihre Gedanken schweiften immer wieder zu den blauen Augen ihres Ritters ab. Mit einem Seufzen klappte sie das Buch schließlich zu und stand auf. Sie hoffte, dass ihre Eltern noch schliefen, wenn sie im Karlesky-Schlösschen ankam, denn wieder einmal hatte sie über dem Buch die Zeit vergessen. Doch sie hoffte vergebens und die Strafpredigt blieb ihr nicht erspart.
„Wie kannst du nur ohne Begleitung ausgehen, Clara. Noch dazu um diese Zeit“, fuhr ihre Mutter sie an, kaum, dass sie die Türe ihres Zimmers geöffnet hatte. „Man könnte meinen, du hast nichts als Stroh im Kopf.“
„Um diese Zeit ist für gewöhnlich niemand wach“, erwiderte Clara ruhig und verdrängte den Mann mit den blauen Augen erneut aus ihren Gedanken.
„Niemand, richtig. Nur du. Wenn der Herzog von Weiden erfährt, wo du dich herumtreibst – ohne Begleitung, in diesen unmöglichen Gewändern, dann wird sein Interesse an dir schneller erkalten, als du dir vorstellen kannst.“
Clara biss sich auf die Lippen, um die Antwort, die ihr auf der Zunge lag, nicht laut auszusprechen. „Es wird nicht wieder vorkommen“, antwortete sie stattdessen sittsam.
„Du bleibst zur Strafe heute auf deinem Zimmer, um über dein Verhalten nachzudenken.“
„Ja, Mama.“ Sie blickte zu Boden, um sich nicht zu verraten, denn diese Strafe war ihr nur recht. Die Art und Weise, mit der ihre Eltern sie in der Gesellschaft feilboten, als wäre sie ein schadhafter Weidenkorb, verursachte ihr ohnehin Übelkeit. Einen Tag lang für sich bleiben zu können, störte sie dagegen nicht im Geringsten.
Ihre Mutter musterte sie mit einem geringschätzigen Ausdruck. In ihrer Jugend war Baronin Elisabeth von Fallersberg eine ätherische, zierliche Schönheit gewesen, die alle Möglichkeiten gehabt hatte. Wieder einmal empfand Clara ihre eigene Unzulänglichkeit nur zu deutlich. Sie war zu groß. Sie war zu dünn. Ihr Gesicht besaß nicht jene Vollkommenheit, die ihrer Mutter als Maßstab aller Dinge galt. Und zu allem Überfluss sah sie trotz ihrer beinahe zwanzig Jahre wie ein Kind aus.
„Wir müssen etwas mit deinem Haar anstellen. So kann es nicht bleiben.“
„Ja, Mama.“
„Ich werde mich mit Johanna darüber unterhalten. Sie hat immer gute Ideen.“
„Ja, Mama.“
Elisabeth von Fallersberg warf ihr einen letzten Blick zu und rauschte aus dem Zimmer. Clara ließ sich aufs Bett fallen. Die unterschwellige Drohung hinter den Worten ihrer Mutter war unmissverständlich. Nur eine Heirat mit einem vermögenden Mann konnte die prekäre finanzielle Situation der Familie bereinigen. Das Interesse des Herzogs von Weiden kam zu diesem Zeitpunkt gerade recht. Schon in Wien hatte er mehrmals bei der Familie vorgesprochen und Clara war gezwungen gewesen, mit ihm auszufahren. Die Erinnerung an das faltige, verlebte Gesicht des Herzogs, auf dessen schmalen Lippen stets ein eingefrorenes Lächeln lag, ließ Clara vor Ekel erschauern. Der Herzog war vierundsechzig und hatte bereits drei Ehefrauen zu Grabe getragen. Aber das alles zählte für Baronin Elisabeth nicht. Sobald sie erfahren hatte, dass der Herzog an der Jagdpartie des Grafen Karlesky teilnehmen würde, hatte sie alle ihre gesellschaftlichen Verbindungen spielen lassen, um eine Einladung zu bekommen.
Clara wusste, dass man von ihr erwartete, den Herzog dazu zu bringen, ihr während seines Aufenthalts hier einen Antrag zu machen. Aber schon bei dem Gedanken, die schlaffe Hand des Herzogs auf ihrer zu spüren, stieg Brechreiz in ihr auf. Bisher hatte sie versucht, freundlich zu sein, um den Unwillen ihrer Eltern nicht weiter zu schüren. Doch den Rest ihres Lebens an der Seite dieses reichen, alten Bonvivants zu verbringen, lag außerhalb ihrer Vorstellungskraft.
Deshalb kam es ihr sehr gelegen, den Tag auf ihrem Zimmer verbringen zu können. Vielleicht erregte in der Zwischenzeit eine andere Frau die Aufmerksamkeit des Herzogs und ihr selbst wurde eine Gnadenfrist gewährt, in der ihre Eltern eine andere Möglichkeit fanden, die Löcher in ihren Geldbeuteln zu stopfen.
Clara seufzte. Sie gehörte nicht zu jenen, die ihre Augen vor der Wirklichkeit verschlossen, und zum ersten Mal bedauerte sie es. Ihr Vater würde weder aufhören, jeden Kreuzer an Kartentischen zu riskieren, noch sich mit bescheidenen Gewinnen zufrieden geben. Und so lange es noch ein paar vollständig möblierte Zimmer im Hause Fallersberg gab, würde ihre Mutter alles daran setzen, sie an einen vermögenden Mann zu verschachern, um auf diese Weise ihren eigenen Lebensabend zu sichern. Dabei Gewissensbisse zu empfinden lag der Baronin fern. Schließlich tat sie nur, was alle gewissenhaften Eltern taten: sie versuchte, ihre Tochter bestmöglich unter die Haube zu bringen.
Clara schob die dunklen Gedanken beiseite. Immerhin musste sie sich heute nicht mit dem Herzog auseinandersetzen oder mit anderen, als Ehemänner in Frage kommenden Gästen. Sie musste sich nicht in ein oftmals umgearbeitetes Brokatkleid zwängen und ihre Haare auf dem Kopf feststecken. Sie durfte aus dem Fenster blicken oder sich auf dem Bett ausstrecken und weiter in ihrem Buch lesen.
Der Tag verging schneller, als sie erwartet hatte. Man brachte ihr Mittagessen und abends eine kalte Platte. Ihre Mutter ließ sich währenddessen nicht blicken. Das trug dazu bei, dass sich Clara leicht und unbeschwert fühlte. Sie erinnerte sich daran, dass sie bei ihrer Ankunft ein Cembalo in einem der Zimmer gesehen hatte. Wenn die anderen Gäste beim Abendessen saßen, konnte sie es bestimmt wagen, sich auf die Suche danach zu machen. Sie hatte schon lange nicht mehr gespielt, denn das Cembalo hatte zu den ersten Dingen gehört, die ihre Eltern verkauften, als das Geld knapp wurde.
Clara öffnete die Tür ihres Zimmers und spähte den langen Flur entlang. Man hatte bereits die Kerzenleuchter an den Wänden entzündet. Die dicken Teppiche erstickten ihre Schritte. Schon im dritten Zimmer wurde sie fündig.
Liebevoll strich sie über das glatte, glänzende Holz des Instruments, dann setzte sie sich auf den mit rotem Samt bezogenen Hocker und legte ihre Finger auf die Tasten. Sie spielte das erste Lied, das ihr in den Sinn kam – einen beschwingten Rigaudon aus Händels Wassermusik. Die Töne erfüllten den Raum wie strahlendes Licht, und Clara spürte die Musik in jedem Nerv ihres Körpers. So war es immer und sie hatte dieses Gefühl viel zu lange vermisst.
Mit geschlossenen Augen ließ sie ihre Finger über die Tasten gleiten und genoss die Empfindungen, die sie durchströmten. Lauschte den Tönen, die sie in eine andere Welt trugen. In eine Welt ohne Hässlichkeiten, Gezeter und Gewalt.
Als sie die Augen wieder öffnete, lag ein verträumter Ausdruck auf ihrem Gesicht und sie brauchte einige Momente, um sich in der Wirklichkeit zurechtzufinden. Dann blinzelte sie ungläubig. Neben dem Piano stand ein Mann im Abendanzug und klatschte jetzt leise in die Hände. „Bravo, ich habe selten eine bessere Interpretation dieses Stücks gehört. Aber sehr viele schlechtere.“
Clara sah ihn an und erkannte ihn sofort: der Reiter, der ihr am Morgen den Strohhut gebracht hatte. „Danke“, murmelte sie und strich eine vorwitzige Haarsträhne hinters Ohr.
Er lächelte sie an und ihr Herz machte einen Satz. „Also haben dich deine Eltern nicht umgebracht.“
„Nein, aber ...“, sie sprang auf, denn das Wort Eltern beseitigte ihre Träumereien im Handumdrehen. „... wenn sie mich hier finden, hat mein letztes Stündlein geschlagen. Das Dîné ist vorbei?“
„Ja, ich wollte gerade meinen Mantel holen, um mir draußen die Beine zu vertreten, da hörte ich dich spielen.“
Clara nickte und hastete zur Tür. Der Gedanke, was passieren würde, wenn ihre Eltern sie entdeckten, ließ sie die einfachsten Höflichkeitsregeln vergessen.
„Adieu“, rief sie über die Schulter und eilte über den Flur zu ihrem Zimmer. Keine Minute zu früh, wie sich kurz darauf herausstellte. Denn kaum, dass Clara die Kerzen entzündet hatte, stürmte die Baronin in den Raum. „Ein Unglück, was für ein Unglück“, rief sie händeringend aus.
Ihr Gatte war ihr gefolgt und schloss die Tür mit einem lauten Knall, der Clara unwillkürlich zusammenzucken ließ. Unter gesenkten Lidern musterte sie ihren Vater. Seine gerötete Gesichtsfarbe und das leichte Schwanken verrieten, dass er dem Wein reichlich zugesprochen hatte.
„Das Unglück steht hier. Direkt vor uns“, polterte er los und Clara wich zurück. „Nichts als Ärger macht uns dieses Balg.“
„Was ist denn passiert?“, fragte Clara mit einer dumpfen Vorahnung.
Die Baronin ließ sich in einen Sessel fallen und presste ein Spitzentaschentuch vor ihren Mund. Sie rang so sichtlich nach Fassung, dass sich Clara neben ihr niederkniete und nach ihrer Hand griff. „Mama, was ist passiert?“, wiederholte sie besorgt.
Die tränenumflorten Augen der Baronin blickten sie an. „Der Herzog, er hat den ganzen Abend mit der Komtess Vernau getändelt. Nicht ein einziges Mal hat er nach dir gefragt.“
Clara ließ die Hand ihrer Mutter los und stand auf. Wie hatte sie nur vergessen können, welche Dinge für ihre Eltern ein Unglück darstellten. Sie selbst empfand nichts als Erleichterung, dass der Herzog eine andere Frau mit seiner Aufmerksamkeit beehrte.
„Er geht uns durch die Lappen.“ Heftiges Schluchzen erstickte diese Worte.
„Das wird er nicht“, sagte der Baron hart. „Wir werden dafür sorgen, dass er Clara heiratet.“
„Wie?“
Die unverhüllte Hoffnung, die im Wort ihrer Mutter mitschwang, jagte einen Schauer über Claras Rücken.
„Wir lassen ihm einfach keine Wahl“, antwortete der Baron mit einem süffisanten Grinsen. „Wir sorgen dafür, dass er unsere einzige, heißgeliebte Tochter kompromittiert und ertappen ihn dabei auf frischer Tat. Dann hat er keine andere Wahl, als mit ihr vor den Traualtar zu treten.“
Clara schüttelte den Kopf. „Ich will den Herzog nicht heiraten, das habe ich schon oft genug gesagt.“
„Als ob du so viele Möglichkeiten hättest, auch noch wählerisch zu sein“, jammerte ihre Mutter. „Du bist wirklich ein unnatürliches Geschöpf.“
Clara verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich will ...“, weiter kam sie nicht, denn ihr Vater hatte ausgeholt und schlug ihr mit voller Wucht ins Gesicht.
„Versuchs noch mal“, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen heraus. Auf seiner Stirn standen feine Schweißperlen, seine Wangen glänzten purpurrot und die Adern am Hals traten dick hervor.
Claras Kopf flog nach hinten und sie hatte Mühe, das Gleichgewicht zu bewahren. Trotzig sah sie ihren Vater an. „Ich will nicht ...“
Die Faust traf ihre andere Gesichtshälfte. Tränen brannten in ihren Augen und der Schmerz lief von ihrem Kopf spiralförmig in ihren Köper. Noch bevor sie zu Atem gekommen war, schlug ihr Vater wieder zu. Und wieder. Und wieder. So lange, bis sie den rauen Flor des Teppichs unter ihrer Wange spürte.
Sie schmeckte Blut auf ihrer Lippe und wollte es mit einer zitternden Hand wegwischen. Da trat er mit der Spitze seines Lackschuhs zu und Clara brach mit einem heiseren Laut zusammen. Schmerz umgab sie wie eine unsichtbare Wand.
Eine grobe Hand fuhr in ihr Haar und zerrte ihren Kopf nach hinten. „Du wirst dich umziehen, du wirst dein Gesicht säubern und dann gehst du in sein Zimmer. Legst dich neben ihn ins Bett. Gemeinsam mit dem Grafen Karlesky werden wir dich suchen gehen, dann haben wir einen Zeugen für das schändliche Verhalten des Herzogs. Er muss dich heiraten. Kein Weg führt daran vorbei.“
Clara schloss die Augen, aber ein harter Ruck an ihren Haaren brachte sie dazu, sie wieder zu öffnen. „Hast du mich verstanden oder soll ich noch deutlicher werden?“
„Ich ... habe ... verstanden.“
Er ließ sie abrupt los und Clara stützte sich instinktiv mit den Händen ab, um nicht wieder zu fallen. Langsam kniete sie sich auf und zog sich an der Kommode hoch. Ihr Vater betrachtete sie mit einem feindseligen Ausdruck. „Das will ich auch hoffen, du nichtsnutziges Geschöpf.“
Er wandte sich ab und sagte zu seiner Frau: „Du kümmerst dich darum, dass sie ordentlich aussieht.“
Die Baronin, die die vorhergehende Szene teilnahmslos beobachtet hatte, nickte eifrig. „Natürlich, Friedrich. Dein Plan ist ganz vorzüglich.“
Die Tür fiel hinter dem Baron ins Schloss und ließ die beiden Frauen in bleierner Stille zurück. „Nun, Clara, lass uns anfangen“, rief die Baronin mit gekünstelter Heiterkeit. Sie erhob sich, füllte Wasser aus einem Krug in die Waschschüssel und stellte sie auf den Tisch. Ohne Umschweife packte sie Clara am Arm und drückte sie auf einen Stuhl. Die Bewegungen, mit denen sie das Gesicht ihrer Tochter von Blut und Tränenspuren reinigte, waren knapp und zweckmäßig. Keine Zuneigung, keine Zärtlichkeit lag darin.
Clara ließ die Prozedur ohne einen Laut über sich ergehen. Ein Teil von ihr war während der vergangenen Minuten gestorben und der Rest hatte sich an einen Ort geflüchtet, der jenseits der Realität lag.
Ihre Mutter betrachtete sie prüfend und drückte das nasse Tuch auf die Schwellung unter ihrem rechten Auge. „Halt das fest, Kind“, befahl sie und öffnete währenddessen den Kleiderschrank, in dem Claras Gewänder hingen. Sie suchte einen blauen Seidenmantel heraus, der mit zarten Blumenranken bestickt war und nahm ein weißes Batistnachthemd mit schlichten Spitzeneinsätzen aus der Kommode.
Sie entkleidete Clara, die teilnahmslos alle Anweisungen befolgte und zog ihr das Nachthemd an. Dann bürstete sie ihr Haar, bis es glänzte, scheitelte es und steckte es an den Schläfen mit Schildpattspangen fest.
Die Spuren, die die Fäuste ihres Vaters hinterlassen hatten, wurden mit einer Schicht Schminke und Puder verdeckt. Schließlich nickte ihr die Baronin anerkennend zu. „Sehr schön, Clara. Du siehst wirklich hübsch aus, die fleischgewordene Unschuld. Ich gehe hinunter zu deinem Vater und warte ab, bis sich der Herzog zu Bett begibt. Dann hole ich dich.“
Clara blickte in den Spiegel. Ein blasses Gesicht mit riesengroßen Augen sah ihr entgegen. Sie versuchte nachzudenken, doch ihr Verstand war wie gelähmt und wollte ihr nicht gehorchen. Am Rande ihres Bewussteins begriff sie die Ungeheuerlichkeit des Vorhabens ihrer Eltern. Aber sie hatte nicht die Kraft, sich dagegen zu wehren. Sie wollte nur mehr, dass der Schmerz, der in ihrer Seite und ihrer Schläfe pochte, ein Ende nahm. Und keinen neuen Anfang.
Clara wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als ihre Mutter wieder zurückkam und aufgeregt losplapperte: „Der Herzog hat sich vor einer Viertelstunde zurückgezogen. Nachdem er sich reichlich vom Cognac bedient hat, wird er bald eingeschlafen sein. Wir warten noch ein paar Minuten, dann machen wir uns auf den Weg.“
Sie lief unruhig im Zimmer auf und ab, ohne dabei weiter auf Clara zu achten. Schließlich öffnete sie die Tür und spähte in den dämmrigen Flur. „Komm“, befahl sie leise.
Clara reagierte nicht. Mit einem Wutschnauben packte die Baronin ihre Tochter am Ärmel und zerrte sie hinter sich her. „Dort, neben dem Erker ist das Gemach des Herzogs. Beeil dich.“
Sie gab Clara einen Stoß und blieb selbst an der Biegung des Flurs stehen, um alles beobachten zu können. Clara setzte mechanisch einen Fuß vor den anderen, noch immer fühlte sie nichts, sie ging einfach weiter, angetrieben von einer Kraft, die sie nicht benennen konnte.
Stimmen und Lachen dröhnten ihr von der Treppe entgegen. Drei Männer kamen auf sie zu. Zwei von ihnen taumelten mehr als gingen und mussten sich aneinander festhalten. Sie unterhielten sich in der für Betrunkene üblichen Lautstärke. Clara wich ihnen aus und drückte sich mit gesenktem Kopf an die Wand, um sie vorbeizulassen.
Eine Hand legte sich auf ihren Arm. „Ist das nicht das Wunderkind am Cembalo?“
Clara hob den Kopf und blickte geradewegs in blaue Augen. Zwar glänzten sie verdächtig und auch das Gesicht des Mannes war leicht gerötet, aber er war zweifellos der Ritter, den sie am Morgen und später im Musikzimmer getroffen hatte. Der Ritter, der versprochen hatte, einen Drachen für sie zu töten.
Sie sah ihn an, sah sein freundliches Lächeln und plötzlich bahnten sich all die ungeweinten Tränen einen Weg.
„Hast du dich verlaufen? Oder schlafwandelst du etwa?“ Er schnippte mit den Fingern vor ihrem Gesicht. Dann runzelte er die Stirn, legte die Hand unter ihr Kinn und drehte es zu den Kerzen.
„Was ist passiert?“, fragte er und die Heiterkeit in seiner Stimme wich Besorgnis.
Clara konnte nicht antworten, ihre Kehle war wie zugeschnürt. Sie spürte, dass er den Arm um ihre Schulter legte und sie wegführte. Ihre Augen waren blind vor Tränen und sie biss sich auf die Lippen, um nicht laut zu schluchzen.
Sie merkte nicht, dass er eine Tür öffnete und ein Zimmer betrat. Sie merkte nur, dass sein Arm schützend um ihre Schultern lag und sie an sich drückte.
„Waren es deine Eltern? Haben sie dich geschlagen?“
Sie nickte, ehe sie es verhindern konnte, ehe sie daran dachte, dass dieser Verrat neue Schläge, neue Schmerzen nach sich ziehen würde.
„Weil du Klavier gespielt hast?“, fragte er ungläubig.
Clara schluckte und versuchte zu antworten. Ihre zitternde Hand fuhr über ihr Gesicht, um die Tränen wegzuwischen und beseitigte dabei einen Großteil der Schminke.
„Mein Gott.“ Er nahm den Arm weg und griff stattdessen nach ihren Schultern. „Ich werde mit ihnen reden. Niemand hat das Recht ...“
Laute, aufgeregte Stimmen ertönten auf dem Flur und im gleichen Moment wurde die Tür aufgerissen. Die Baronin stürzte mit einem Aufschrei ins Zimmer. „Mein Täubchen, mein armes Täubchen, was hat er dir angetan ...“
Ihr folgten auf den Fersen der Baron und Graf Karlesky. Sie alle starrten auf Rudolf, der Clara noch immer festhielt. Ihr Seidenmantel klaffte vorne auseinander und ließ das dünne Nachthemd sehen.
„Krieglach, wie könnt Ihr Euch erdreisten, meine Tochter zu so später Stunde mit Euren Aufmerksamkeiten zu bedrängen?“, polterte der Baron und sah Clara mit einem Blick an, der ihr Blut gefrieren ließ und ihr Schmerzen vorhersagte, die alles bisher Erlebte in den Schatten stellen würden. „Ihr habt den makellosen Ruf meines einzigen Kindes besudelt!“
Rudolf blickte in die Runde. „Ich verstehe nicht. Eure Tochter ist mitten in der Nacht über den Flur gewandert, sie ist völlig außer sich und ich habe sie getröstet.“
„Sie ist außer sich, richtig. Sie ist außer sich, weil Ihr sie bedrängt habt, Ihr gewissenloser Unhold“, schluchzte die Baronin und tupfte ihre Augen ab.
„Bedrängt?“ Rudolf lachte ungläubig auf. „Eure Tochter ist kaum den Kinderschuhen entwachsen, wisst Ihr überhaupt, was Ihr da redet?“
„Meine Tochter wird nächsten Monat zwanzig Jahre alt“, sagte der Baron mit Grabesstimme. „Und Ihr, Krieglach, werdet tun, was der Anstand gebietet und wenn ich Euch selbst zum Altar prügeln muss.“
Das Lachen verschwand aus Rudolfs Gesicht. Er ließ Clara los, als hätte er sich verbrannt. Sein Blick wanderte über die schmale Gestalt. Der dünne Mantel und das weite Nachthemd verhüllten die Konturen des Körpers zur Gänze und ließen keine wie immer gearteten Rückschlüsse zu. „Ich verstehe“, entgegnete er kalt. „Ein abgekartetes Spiel. Eingefädelt von der sauberen Familie Fallersberg, um einen Ehemann für ihre Tochter zu bekommen. Ist sie schwanger?“
Claras Wangen röteten sich und sie schüttelte hastig den Kopf. Die Schleier hoben sich von ihrem Verstand. Sie begriff, dass ihre Eltern schnell reagiert und einfach den Hauptdarsteller in ihrem geschmacklosen Stück ausgetauscht hatten.
„Für diese infame Unterstellung sollte ich Euch fordern, Krieglach“, knurrte der Baron und seine Gesichtsfarbe wechselte zu Purpur.
Graf Karlesky, der bisher geschwiegen hatte, sagte ruhig. „Rudolf, ich kenne Euch seit Jahren, diese Worte sind Eurer nicht würdig. An der Sache gibt es nichts herumzudeuten. Ihr seid mit der Baroness Fallersberg mitten in der Nacht alleine in Eurem Zimmer. Die Baroness befindet sich in einem sichtbar derangierten Zustand. Eure Ehre gebietet es, die entsprechenden Schritte zu setzen.“
Rudolf blickte den Grafen fassungslos an. „Ich schwöre bei Gott, dass ich die Baroness heute zum ersten Mal gesehen habe. Ich schwöre weiter, dass ich ihr in keiner Weise zu nahe getreten bin.“ Er wandte sich an Clara. „Sagt Ihnen, dass ich die Wahrheit spreche, Fräulein ...“, er brach ab und lachte bitter. „Ich weiß nicht einmal Euren Namen.“
Clara dachte nach. Den gesellschaftlichen Spielregeln zufolge machte es keinen Unterschied, was sie sagte. Oder nicht sagte. Das Urteil stand längst fest. Trotzdem bestand die winzige Möglichkeit, dass man dem Baron Krieglach doch glaubte. Und dann würde das abscheuliche Spiel ihrer Eltern von neuem beginnen.
Sie befeuchtete ihre Lippen mit der Zungenspitze. „Baron Krieglach wollte mir nur Trost spenden“, sagte sie langsam und schlug die Augen nieder.
„Da hört ihr es, da hört ihr es“, rief die Baronin. „Er hat die Verwirrtheit meiner Tochter ausgenutzt. Wenn sie außerhalb ihrer gewohnten Umgebung ist, leidet sie manchmal unter Desorientierung und Angstzuständen. Sie hat nicht gewusst, wo sie sich befindet.“
Rudolf fixierte das Mädchen kalt. „Schaut mir in die Augen und sagt, dass ich irgendetwas getan habe, um Euch zu nahe zu treten.“
Clara sah zu Boden.
„Ha, das ist Antwort genug. Mein armes Kind kann die Schändlichkeiten gar nicht in Worte fassen“, brüllte Baron Fallersberg. „Ich frage Euch zum letzten Mal, Krieglach. Seid Ihr bereit, die Konsequenzen aus Euren Taten zu ziehen? Oder gehen wir vor den Kadi?“
Rudolf blickte in die Runde. Die Baronin presste ihr Taschentuch vor den Mund. Der Baron starrte ihn wütend und mit nackter Mordlust in den Augen an. Karlesky lehnte mit verschränkten Armen an der Kommode. Und das Mädchen, das ihn in diese Lage gebracht hatte, stand mit gesenktem Kopf vor ihm. Das lange Haar floss über ihren gebeugten Rücken und die schmalen Schultern. Noch immer fiel es ihm schwer zu glauben, dass er es mit einer erwachsenen Frau zu tun hatte. Seine Eingeweide verwandelten sich in Eis, als er die Ausweglosigkeit der Situation begriff. Wenn er sich weigerte, die Baroness zu heiraten, musste er seinen guten Namen durch den Sumpf von Beschuldigungen und Anklagen zerren. Wenn er andererseits die Baroness heiratete, war er für den Rest seiner Tage an eine Frau gefesselt, die nicht davor zurückscheute, zu lügen und zu betrügen, um ihr Ziel zu erreichen.
Seine Brust wurde eng angesichts der Tatsache, dass er gerade die Kontrolle über sein Leben verloren hatte. Er schüttelte benommen den Kopf, als könnte er den Albtraum damit beenden.
Nur die erstickten Schluchzer der Baronin unterbrachen die unnatürliche Stille im Raum. Selbst Rudolf hörte, wie hölzern seine Stimme klang. „Ich werde die Baroness heiraten.“
Baron Fallersberg stieß lautstark den Atem aus. „Gut. Nicht, dass ich mir unbedingt einen wie Euch zum Schwiegersohn gewählt hätte ...“
„Strapaziert Euer Glück nicht zu sehr“, knirschte Rudolf und ballte die Fäuste, um den Mann nicht am Kragen zu packen.
„Wir werden alles für eine Hochzeit vorbereiten, sobald wir zurück in Wien sind“, sagte die Baronin strahlend. „Ein gigantisches Fest, das ...“
„Nein“, unterbrach Rudolf sie schneidend. „Seht zu, dass Ihr die Formalitäten regelt. Ich heirate Eure Tochter hier in der Pfarrkirche von Althof. Es wird kein Fest geben. Ihr habt genau sechs Tage Zeit.“
Wenn Rudolf gedacht hatte, Fallersberg mit seiner Forderung in Verlegenheit zu bringen, so hatte er sich getäuscht. Drei Tage später lagen alle Genehmigungen vor, die für eine Trauung benötigt wurden. Rudolf nahm es emotionslos zur Kenntnis. Ebenso wie Tatsache, dass die im Ehevertrag festgesetzte Mitgift eine einzige Beleidigung war – sowohl für ihn als auch für Fallersbergs Tochter.