Excerpt for Und dennoch ist es Leben by Birgit Böckli, available in its entirety at Smashwords


Und dennoch ist es Leben – Erzählungen

By Birgit Boeckli

Ca. 120.000 Zeichen

Covergestaltung Andreas Koch

Smashwords Edition

Copyright 2011 Birgit Boeckli



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Und dennoch ist es Leben – Acht Kurzgeschichten

Inhaltsverzeichnis

Der Frosch und die Rose

Blick in den Spiegel

Pias Wolke

C wie Chrysantheme

Steine

Erdbeergeschmack

Tanz im Regen

Auf dem Geisenhuber Hof




Der Frosch und die Rose


„Eines Morgens aber hielt es der kleine Frosch nicht mehr aus. Es hatte geregnet in jener Nacht, dicke Tropfen schimmerten im Gewirr der Grashalme, und die ersten Sonnenstrahlen fielen als blasse Fäden zur Erde. Ganz unbemerkt kletterte er aus dem Gartenteich…“


„Ich bitte dich, hör doch endlich auf.“

„Halt dein Maul!“ Er sitzt auf der Bettkante, das Buch auf den Knien. Jetzt heult sie wieder.

Durch das offene Fenster dringt warme Nachtluft ins Zimmer, angefüllt mit dem schweren süßlichen Geruch einer fremden Vegetation. Irgendwo schreit ein Gecko. Wenn er den Atem anhält, kann er den Gesang der Wellen hören.


Ihr Gesicht erscheint in der Tür. Bleich, denkt er. Bleich und winzig.

„Kommst du jetzt bitte?“

Er hält das Buch hoch, sodass sie das Bild sehen kann, auf dem der Frosch heimlich den Teich verlässt.„Das ist seine Lieblingsgeschichte“, sagt er mit rauer Stimme.

„Ich weiß.“

Sie schließt die Tür. Endlich. Teilnahmslos betrachtet er die Umrisse des kleinen Raumes, den schmalen Wandbehang, auf dem Stuhl ein paar Kissen. Fröhliche Farben. Langsam lässt er sich zu Boden gleiten, spürt das kühle Holz des Bettrahmens im Rücken, während er weiterliest:


"Wie wunderschön ist doch die Welt, dachte der kleine Frosch, als er über die morgenfrische Wiese hüpfte. Er betrachtete mit großen Augen den Misthaufen, in dem seine Eltern den letzten Winter verbracht hatten, weiter hinten erhoben sich die Tomatenpflanzen, und auf einem kleinen Beet daneben wuchsen Kohl und Karotten. Er begegnete Käfern und Regenwürmern, die vorsichtig ihre Köpfe aus der warmen Erde streckten. Und all das hatte ihm seine Mutter die ganze Zeit vorenthalten…“


Im Nebenzimmer hört er sie umhergehen. Sie trägt diese Sandalen mit den Holzabsätzen. Klack-Klack, Klack-Klack

Eine Träne tropft auf die Buchseite, und er wischt sorgfältig mit dem Ärmel seines Schlafanzugs darüber. Noch immer klingen ihre Worte in seinem Schädel nach, dringen tiefer in seinen Verstand vor, eine endlose Spirale, deren Bewegungen er nicht aufhalten kann.


Nun mach doch nicht so einen Aufstand. Weißt du, wie viele Scherben ich schon im Fuß gehabt habe? Das ist doch nicht so schlimm.“


Seine Hand tastet nach der geschnitzten Statue, die sie auf dem Markt von Ubud gekauft hat. Eine vierarmige Göttin, Lakshmi, die Beschützerin der Ehefrauen. Sie scheint ihn anzulächeln, ein Lächeln voller Mitgefühl und Hoffnung. Es entsteht ein dumpfes Geräusch, als er sie zu Boden fallen lässt.

„Was war das denn?“ Schon wieder ihr Gesicht, diese Augen, die er nicht erträgt, weil in ihnen derselbe Schmerz lodert. Er kann ihn spüren, wie ein inneres Beben. Sie hat kein Recht auf seinen Schmerz!

„Raus, verdammt!“ brüllte er sie an.

„Bitte, leg jetzt das Buch weg und komm rüber. Sie werden gleich hier sein.“

„Lass mich.“ Weshalb drängt sie ihn so? Es ist zu spät. Es gibt kein morgen, wann wird sie das endlich begreifen?

Mit Wohlwollen bemerkte er, dass sie Angst vor ihm hat. Ein scharfer Blick, und sie verlässt den Raum. Das ist gut, das ist verdammt gut! Wenn er die Kraft dazu hätte, würde er jetzt lachen.

Die Erinnerungen kommen wellenförmig, verfolgen ihn, treiben ihn fort an einen lichtlosen Ort. Mit geschlossenen Augen sieht er sie vor sich stehen, die Sonnenbrille im Haar, sogar die winzigen Fältchen um ihre Augen.


Aber könnte es nicht auch eine Grippe sein? Woher willst du wissen, dass das Fieber etwas mit der Entzündung zu tun hat? Ich glaube, du übertreibst mal wieder.“


Er lauscht einen Moment in die Stille, leise blättert er die Seite um. Im Nebenraum der Rhythmus ihrer Schritte. Sollen sie ruhig kommen, er wird die Türe nicht öffnen. Vielleicht nie wieder.


„Dann endlich erblickte er das Rosenbeet, von dem ihm die Schnecke erzählt hatte. Voller Stolz reckten die Rosen ihre herrlichen Köpfe dem Blau des Himmels zu, und mit gewaltigen Hopsern machte der kleine Frosch sich auf den Weg dorthin.“


An der Eingangstür der Ferienwohnung ist ein Klopfen zu vernehmen. Er spürt, wie sich all seine Muskeln verkrampfen. Zwei Jahre hat er auf diesen Scheißurlaub gespart. Was bleibt zurück? Ein paar Fotos fürs Album, Sonnenuntergang auf Bali.

Die Bilder entstehen ohne Vorwarnung in seinem Kopf, kleine Hände, die sich nach ihm strecken, ein eisverschmierter Mund, Lichtreflexe in blauen Kinderaugen. Glückliche Erinnerungen, die ihn fast um den Verstand bringen.

Das erste zarte Morgenrot berührt die Zimmerwände. Erbarmungslos drängt ihm der neue Tag entgegen. Von nebenan die Stimme der Vernunft: „Sie sind da, wir müssen aufmachen. Jetzt komm doch endlich her, warum lässt du mich nur so alleine?“

Der Duft der Magnolien ist stärker geworden, er bekommt kaum noch Luft.


Ein blaues T-Shirt hat sie getragen, mit winzigen Glasperlen bestickt. Er sieht, wie sich das Sonnenlicht darin bricht, als sie den Kopf an seine Schulter legt, gestern. Noch einmal verfängt sich sein Blick in dichten schwarzgetuschten Wimpern, lässt ihn die Zuversicht in ihren Augen frösteln. Dazwischen liegen vierundzwanzig Stunden, ein ganzes Leben.


Zum Arzt gehen, hier im Ausland? Lass uns lieber noch einen Tag warten. Ich bin sicher, mit ein bisschen Kamille kriegen wir das bald wieder hin. Ich geb ihm noch ein Fieberzäpfchen.“


Seine Finger sind steif geworden, nur mit Mühe gelingt es ihm, das Buch zu halten. Der Markt von Ubud fällt ihm ein, Menschen in langen Gewändern, all die Webarbeiten und Schnitzereien, lächelnde Frauen, die vor einem ausgebreiteten Tuch voll exotischer Gewürze sitzen. Steinerne Altare an jeder Ecke, mit Blumen geschmückt. Zu seinen Füßen liegt die Statue, die Göttin blickt ihn milde an. Im Hintergrund seine Frau, das Geräusch ihrer Schritte, sie hat noch nicht geöffnet. Ohne sein Einverständnis wird sie niemanden hereinlassen.


„Es war ein langer Weg gewesen, doch endlich hatte der kleine Frosch es geschafft. Er schloss die Augen und nahm nichts mehr wahr als den wundervollen Duft der Rose. Er bemerkte nicht den schwarzen Schatten einer Amsel, der sich über ihn senkte, für ihn gab es nichts anderes mehr auf der Welt. Der kleine Frosch war glücklich.“


Lautlos klappt er das Buch zu und erhebt sich vom Boden. Sie ist schuld, sie ganz allein, und sie weiß es. Die Figur liegt schwer in seiner Hand, Lakshmi, die Göttin mit den gütigen Augen, Beschützerin der Ehefrauen. Ein bösartiges Lächeln gleitet über sein Gesicht, ganz kurz nur.

Das Klopfen an der Tür hat aufgehört. Ein letztes Mal streckt er die Hand aus, berührt die Wange seines toten Sohnes, dann geht er langsam hinüber ins Wohnzimmer.

Bali, die Insel der Götter. Es ist Zeit.


Nach oben



Blick in den Spiegel


An einem Samstag kam er ins Haus, Mama stellte ihn stolz schnaufend neben den Schulbüchern ab. Rosa, natürlich, rosa hatte er sein müssen, genau wie das Fahrrad und die Nachttischlampe, bei Mama war das schon beinahe eine Krankheit.

Viola beugte sich über den flachen Kasten, der da wie ein bissiges Tier auf ihrem Schreibtisch lauerte. „Und du meinst, ich komme damit zurecht?“ fragte sie lahm.

„Was du immer hast.“ Mama schüttelte tadelnd den Kopf und ging im Zimmer auf und ab. Sie wirkte fast ein wenig beleidigt. „Natürlich kannst du das. Alle Jugendlichen haben so ein Ding heutzutage. Weshalb traust du dir bloß nie etwas zu?“

Viola nickte nur. Wenn Mama gesprochen hatte, gab es keinen Zweifel, Mama wusste von Anfang an, was am besten für ihr Küken war, sie war die Übermutter schlechthin, die schon im Kindergarten den bösen Buben mit der Sandschaufel nachgegangen war, die ihr zartes Töchterlein zu schubsen wagten. Veronika Schwindtner, eine mollige Dame von einhundert achtundfünfzig Zentimetern, über deren großblumige Röcke die ganze Oberstufe lachte, Mama Schwindtner, der Schreck aller Lehrer schon seit der Grundschule.

Viola wartete, bis ihre Mutter verschwunden war, dann klappte sie den Deckel des kleinen Laptops auf. Langsam ließ sie ihre Finger über die glatte Oberfläche gleiten. Sie hasste diese Farbe. Irgendwann würde sie ihrer Mutter sagen müssen, wie entwürdigend dieses ganze Spektakel sich anfühlte. Sie hatte von Leuten gelesen, die immer alle Probleme in sich hineinfraßen, irgendwann drehten sie durch und liefen Amok. Sie lächelte über die Vorstellung und warf einen Blick auf ihre zerkratzten Unterarme. Sie war nicht der Typ, der es an anderen ausließ.


Später konnte sie nicht mehr verstehen, weshalb sie so lange gezögert hatte. Bereits mit dem ersten Einschalten eröffnete sich eine vollkommen andere Welt. Von nun an saß Viola stundenlang im Schneidersitz auf ihrem alten Bürostuhl und betrachtete mit staunenden Augen, was auf dem kleinen Bildschirm vor sich ging. Das Internet entpuppte sich als unendlich weite Ebene, mit jedem Klick betrat sie ein neues aufregendes Land, und schon nach kurzer Zeit wusste Viola, wie sie ihre Schritte lenken musste. Manche der Gegenden, in die sie einbrach, machten ihr Angst oder ließen ein schales Gefühl der Fremdheit in ihr aufkommen, doch nichts reichte an die Schrecken der Realität heran, an die Gewissheit, anders zu sein, die sie sich niemals richtig erklären konnte.

Am Dienstagmorgen erfolgte das tägliche Ritual der Menschwerdung, wie sie ihre Erkundungsgänge vor dem ovalen Badezimmerspiegel nannte. Sie streifte den Schlafanzug von ihrem Körper und betrachtete sich minutenlang. Das Ergebnis war immer das gleiche. Viola wusste nicht, was sie glauben sollte, der Vater hatte von verzögerter Reife gesprochen, ein einziges Mal, bevor er sie und Mama verlassen hatte. Sie hatte damals gehofft, er könne der Gesprächspartner sein, den sie in ihrer Mutter nicht fand, aber es war wohl zuviel für ihn gewesen. Wer hatte schon gern ein Monster zur Tochter? Verbittert griff sie nach dem Oberteil und knallte es gegen die Wand, wo es mit einem schleifenden Geräusch zu Boden rutschte.

„Du darfst nicht glauben, es hätte was mit dir zu tun“, hatte Mama ihr ins Ohr geflüstert, nachdem der Vater seine letzten Umzugskartons geholt hatte.

Das glaubte sie auch nicht, sie wusste es. Warum hätte er sich sonst nicht wieder melden sollen? Oh ja, da war eine Weihnachtskarte gewesen, mit fünfzig Euro drin. Im Grunde sollte sie dankbar sein.

Im Unterricht legte sie wie meistens den Kopf auf die Arme und betrachtete die anderen in der Klasse, die wie eine eingeschworene Gruppe aufeinander hockten. Sie hatte inzwischen nicht nur den Tisch für sich allein, sondern die ganze letzte Reihe. Niemand störte sich daran, wenn sie mit dem Bleistift Gesichter in ihr Heft zeichnete anstatt zuzuhören. In den Pausen verließ sie gleich nach dem Läuten den Klassenraum und schloss sich in einer der Toilettenkabinen ein. Alle wussten, dass etwas nicht stimmte, wahrscheinlich dachten sie, sie hätte ein Drogenproblem. Gefragt hatte sie deswegen niemand.

Selbst auf dem Pausenhof konnte sie es spüren, die anderen zogen einen unsichtbaren Bogen um sie, gingen wie selbstverständlich in die andere Richtung, ohne ihre Unterhaltung zu unterbrechen. Viola setzte sich unter einen Baum und betrachtete ihre Schuhe. Wartete. Wie jeden Tag, ihr ganzes verfluchtes Leben, so zumindest kam es ihr vor.

Nach der Schule kehrte sie in ihr Zimmer zurück, zu Gabi und Rosenrot und dem griesgrämigen Beutelwolf. Sie selbst nannte sich Simon. Sie hatte nicht über diesen Namen nachgedacht, es war ganz selbstverständlich gewesen, dass sie so hieß. Viola warf ihre Schultasche aufs Bett und setzte sich vor den Laptop, wartete, bis die Startseite in den vertrauten Farben aufflammte. Hier, in dieser seltsamen neuen Welt, wo Fremde zu Freunden wurden, und man auf alle schützenden Hüllen verzichten konnte, erlebte sie zum ersten Mal ein Gefühl von Geborgenheit. Das Forum war zu ihrem Zuhause geworden, einem Ort, an dem sie verstanden wurde, ohne konkret werden zu müssen. Hier wollte niemand den Grund dafür erfahren, was sie so anders machte, hier traf sie auf Menschen, die ähnliche Wege gingen, und manchmal, irgendwo zwischen den immer wiederkehrenden Albträumen und einer neuen zerschlagenen Hoffnung, dachte sie, dass dieser Weg für sie bestimmt war. Irgendjemand schien ihr genau an dieser Stelle einen Platz freizuhalten.

Manchmal warf ihre Mutter einen Blick ins Zimmer oder sie schlich sich unter dem Vorwand hinein, einen Teller wegräumen zu wollen. Sie sagte nie ein Wort, lächelte nur zufrieden, strich ihr im Vorbeigehen leicht über den Kopf, wie man es bei kleinen Kindern tut.

Viola hätte gern einmal mit Mama gesprochen wie unter Erwachsenen, aber das war nicht möglich. Sie kannte die Linien genau, innerhalb derer sie sich bewegen durfte, war ausgebildet wie ein Berufssoldat. Eine Wohnung voller unsichtbarer Minenfelder, es bedurfte einiger Übung, sich darin gefahrlos zu bewegen. Vor allem durfte man keine Fragen stellen, Fragen gehörten überhaupt zu den explosivsten Dingen in ihrem Leben. Sie war Mamas Schätzchen, sie konnte sich erlauben, die Tulpen im Vorgarten zu köpfen, selbst die dritte Fünf in Mathe war für Mama längst kein Grund, an ihrer Tochter zu zweifeln. Wenn man es ertrug, in einer stillen Hölle aus rosa Bettwäsche und Häkelgardinen zu leben, konnte man ein recht bequemes Dasein genießen. Vorausgesetzt man stellte keine Fragen.

Ein einziges Mal hatte sie es gewagt, diese Grenze zu übertreten, hatte die seltsamen Gefühle erwähnt, die ihr oft solche Angst machten, und die kleine Narbe an der verbotenen Stelle, über die nicht geredet werden durfte. Mama hatte auf der Couch gesessen wie immer, nur dass sie entsetzlich blass ausgesehen hatte. Sie hatte begonnen, ein paar unsichtbare Krümel vom Wohnzimmertisch zu wischen, immer und immer wieder, und in ihre Augen war eine Leere erschienen, die Viola augenblicklich verstummen ließ. Diese Erfahrung war so erschreckend gewesen, dass sie nie wieder daran denken wollte. Damals hatte sie geglaubt, ihre Mutter sterben zu sehen.

Anfangs wunderte sie sich, dass Mama nichts dagegen einzuwenden hatte, wenn sie sich stundenlang hinter der Mattscheibe versteckte, aber es machte die Sache auch einfacher.

„Das tut dir gut“, meinte Mama, und Viola sah, dass es ihr Ernst war. Sie hatte sich damit abgefunden, dass ihr Kind ein Außenseiter bleiben würde. Es störte sie nicht, ihr Kind war ohnehin besser, schöner und intelligenter als die Kinder anderer Eltern. Es war eben ihre Art, ihrer Tochter ein wenig Freiraum zu schaffen.

Mit Gabi war es nichts geworden, sie hatten sich zweimal verabredet, draußen bei den Hochhäusern, und beide Male hatte Viola einen Rückzieher gemacht. Danach hatte sie nichts mehr von ihr gehört. Ein paar Tage lang durchforstete sie die Zeitung nach einer Meldung, aber es gab keinen Hinweis, und sie kannte ja nicht einmal ihren richtigen Namen.

Ohne Gabi wurde es leer im Netz, auch die ständigen Diskussionen über Gesetze konnten sie nicht bei der Stange halten; sie hatte geglaubt, jemanden gefunden zu haben, der ein Stück des Weges mit ihr zu gehen bereit war. Nun war sie wieder allein.

Jeden Tag saß Viola in ihrem Zimmer, starrte die Wände an und wartete auf eine Veränderung. Morgens trat sie wie üblich vor den Spiegel und betrachtete ihren flachen taillenlosen Körper, tastete zwischen ihren Beinen nach Blut, das nicht kommen wollte, obwohl sie im Grunde nicht mehr daran glaubte. In der Schule zog sie sich jetzt komplett zurück, und die Lehrer gaben ihre Bemühungen auch auf. Wer wollte schon mit so einer etwas zu tun haben?

Wenn sie nach Hause kam, saß Mama im Sessel, das Strickzeug auf dem Schoß und lächelte. Manchmal dachte Viola, dass es dieses Lächeln war, das sie nach und nach ersticken ließ, aber im nächsten Moment verurteilte sie sich für diese Gedanken. Dann ging sie zurück in das schmale Zimmer, ließ die Jalousien herunter und legte sich angezogen ins Bett, versuchte, ihren Körper nicht zu spüren und konnte ihn doch nicht verleugnen. Mit jedem Atemzug machte er sich bemerkbar.

Irgendwann schaltete sie den Laptop doch wieder ein und machte sich auf in ihr Forum, das seit Gabis Verschwinden nicht mehr ihr gehörte. Ein neuer User hatte sich vor drei Tagen angemeldet. Sie nannte sich Cosima und sagte, sie sei fünfzehn. Vom ersten Moment an spürte Viola, dass sie die Richtige war. Cosima war nicht wie die anderen, sie diskutierte nicht über irgendwelche Bestimmungen, sie stellte auch keine Fragen zu den gängigsten Medikamenten.

„Ich suche einen Partner“, las Viola die blauleuchtende Schrift. „Einen, der mich begleiten möchte. Alleine schaffe ich es nicht.“


Mama putzte trällernd die Fenster, als Viola die Wohnung verließ. Sie hörte die Radiomusik, und dachte, dass sie sich verabschieden sollte, aber sie tat es nicht. Unterwegs begegnete sie den Bäumen ihres Viertels, und es waren andere Bäume, die Straße schien ihr fremd, breiter als sonst und viel zu hell. Das Hundegebell von gegenüber, das sie immer so erschreckt hatte, klang gedämpft und unwirklich zu ihr herüber. Der Weg war weit, sie musste zweimal umsteigen, und die ganze Zeit wurde sie von einer seltsamen Ruhe getragen. In der Straßenbahn trat ihr ein Mann kräftig auf den Fuß, sie sah seinen Lackschuh auf ihrem, aber sie spürte keinerlei Schmerzen. Nicht einmal das Gedränge, der Geruch nach Schweiß und altem Fett in der Unterführung drangen noch zu ihr durch.

Cosima wartete an der Auffahrt, sie sah nicht aus wie fünfzehn.

„Du bist auch schon angekommen“, stellte sie fest, als sie in Violas Augen blickte.

Viola drückte die Hand des schwarzhaarigen Mädchens und ließ sie nicht mehr los. Zum ersten Mal gab es kein Fenster, das sie trennte. Sie glaubte in einen Spiegel zu schauen.

„Willst du darüber reden?“ fragte sie leise. Die andere, deren echten Namen sie nicht kannte, schüttelte den Kopf.

Cosima besaß einen Schlüssel, woher, das hatte sie nicht gesagt, in diesen Momenten war es nicht mehr wichtig. Die Treppen schienen kein Ende zu nehmen, irgendwo im achten Stock schloss sie eine Wohnungstür auf. Viola verschwendete keinen Blick auf die Einrichtung, sie war fast am Ziel, niemand würde sie zurückhalten. Als sie vom Balkon in die Tiefe schaute, bekam sie Angst.

„Es wird nicht schwer sein“, flüsterte das Mädchen an ihrer Seite. „Es ist nur ein Schritt.“

Sie stieg hoch und hob ein Bein über die Brüstung. Über Violas Wangen rannen Tränen.



Simon saß vor dem Bildschirm und strich sich zum wiederholten Male über den zarten Flaum, der sich seit einer Woche auf seinen Wangen auszubreiten schien. Vier Jahre waren vergangen, auf den Tag genau, seit jenem Treffen auf einem zugigen Balkon. Er dachte an Cosima, die in Wirklichkeit Irene geheißen hatte. Sie hatte ihren Vorsatz vier Wochen später in die Tat umgesetzt, mit Tabletten. Er hatte das Verstehen in ihren Augen gelesen, aber für sie war diese Erkenntnis zu spät gekommen. Sie hatte einfach keine Kraft mehr zum Kämpfen gehabt.

Zuerst hatte er Mama die ganze Schuld gegeben. Er erinnerte sich an den Schmerz, als die Frauenärztin ihm die Bilder auf dem Ultraschallmonitor gezeigt hatte.

„So etwas habe ich bisher noch nie gesehen“, hatte sie gesagt und ihn ängstlich angeschaut. „Und die ganzen Jahre haben Ihre Eltern Ihnen nichts erzählt?“

„Was nicht erzählt?“ Er war von der Liege heruntergerutscht und beinahe auf dem Fußboden ausgeglitten.

„Sie sind wohl das, was man eine XY-Frau nennt“, sagte die Ärztin, als er sich wieder angezogen hatte, und auf ihrer Stirn stand eine senkrechte Sorgenfalte. „Die Natur hat sie als Mann angelegt, aber ihr Körper hat auf die Hormone nicht reagiert. Deswegen auch die fehlende Entwicklung. Sie besitzen keinerlei weibliche Organe, und das was Sie für eine Scheide halten, ist eine blinde Öffnung, keine drei Zentimeter tief.“

Er hatte versucht, flacher zu atmen, als könne das ihre Worte ungeschehen machen. Die Zimmerwände begannen, Wellen zu schlagen, in seinen Ohren rauschte ein fremdartiger Ozean.

„Meine Eltern haben es gewusst?“ fragte er kraftlos.

Die Ärztin kam langsam um den Schreibtisch herum. „Sicher“, sagte sie leise. Dann legte sie ihm einen Arm um die Schultern.

Später dachte er, dass ihm die Tränen überhaupt nicht peinlich gewesen waren. Sie hatten beide das Richtige getan in diesen Minuten, die Ärztin hatte ihn gehalten, und er hatte es zugelassen.

Trotz dieser Diagnose hatte für Simon an diesem Tag zum ersten Mal die Sonne geschienen. Er war kein Monster, er war ein Mensch, weder Mann noch Frau, aber dennoch ganz normal. Es gab eine Erklärung für all die Absonderlichkeiten, es gab einen Namen dafür. Und was im Grunde das Wichtigste gewesen war: es gab andere so wie ihn.


Er schaltete das Netz ein und der Bildschirm färbte sich himmelblau. Simon lächelte. Er erinnerte sich daran, wie seine Mutter geweint hatte, als er zuhause die rosaroten Sachen aus dem Schrank gerissen hatte. Sechzehn Jahre lang hatte sie versucht, die schreckliche Wahrheit von ihrem Kind fernzuhalten, sie hatte geglaubt, das Beste zu tun.

Er hatte ihr erklärt, er werde eine Entscheidung treffen. Eigentlich hatte er das bereits in dem Moment getan, als er sich mit seinem wirklichen Namen im Suizid-Forum angemeldet hatte. Er war immer Simon gewesen, und ein Teil von ihm hatte das auch gewusst. Ob er jemals eine Operation über sich ergehen lassen würde, die ihm das zurückgab, was ihm die Ärzte kurz nach der Geburt genommen hatten, wusste er nicht, aber eine Viola gab es nicht mehr, wenn es sie denn je gegeben hatte.


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