Excerpt for Und tschüss by Sigrid Wohlgemuth, available in its entirety at Smashwords

Und tschüss

by Sigrid Wohlgemuth

Copyright 2011 Sigrid Wohlgemuth

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1. Kapitel

„Und tschüss!“, sagte ich, der Heribert, und schleuderte einen Briefumschlag auf den Schreibtisch meines Chefs.

„Was haben Sie gesagt?“, fragte Herr Weißmüller total verdattert und blickte paralysiert aufs Kuvert.

„Lesen Sie!“ Ich schnippte mit den Fingern vor seinen Augen wie ein Hypnotiseur, damit er aus seiner Starre aufwachte, und sagte dann nochmals: „Und tschüss!“ Flotten Schrittes eilte ich zur Tür und schlug sie, zugegeben, etwas heftig zu. Staubflocken wirbelten vom Gummibaum herab, der im Flur stand. Ein paar von ihnen landeten auf meiner Krawatte. Ich riss den Schlips herunter, schmückte damit die Blätter des armen Kerls. Nie wieder würde ich so einen Kehlkopfquäler um meinen Hals binden! Gerade als ich in meinem Büro verschwand, hörte ich, wie die Chefbürotür wieder aufgerissen wurde. Eilige Schritte hallten durch den Gang. Offenbar ist Weißmüllerchen ins Leben zurückgekehrt. Sehr sogar, denn so flott hatte ich ihn selten sprinten gehört, obwohl er ein sportlicher Typ war. Trotzdem saß er meist wie angenagelt auf seinem Hinterteil und telefonierte oder delegierte, befehligte vom Ledersessel aus uns Untergebene. Den Rest des Tages vergrub er sich hinter einem Stapel Akten.

Schon baute er sich vor mir auf.

„Herr Zopes! Was ist denn mit Ihnen los?“

„Ich gehe.“„Und morgen sind Sie pünktlich wieder an Ihrem Platz, darf ich dies so

verstehen?“

„Haben Sie meinen Brief nicht gelesen?“

„Nein.“

„Habe gekündigt! Fristlos!“ Ich lief an ihm vorbei in den anliegenden Raum. Schüttete die Kopierpapierpakete aus dem Karton, die daraufhin auf den Boden knallten. Mir war es wurscht! Ich trug die erbeutete Kiste ins Büro und packte meine persönlichen Sachen ein. Herr Weißmüller schnaufte und auf seiner Stirn glänzten Schweißperlen.

„Herr Zopes. Nehmen Sie bitte Platz und lassen Sie uns in aller Ruhe darüber reden. Sie können nicht aus heiterem Himmel Ihren Job kündigen. Was ist denn vorgefallen?“

Nun, ich konnte den Mann verstehen. Das war wohl in seinem vierzigjährigen öden Berufsleben das aufregendste Ereignis, das er je erlebt hat. Wahrscheinlich auch privat, denn er gehörte zu der Spezies der eingefleischten Junggesellen. Und auf einmal kommt der sonst korrekte Mitarbeiter Heribert Zopes in sein Büro reingeschneit und sagte mal eben: ‚Und tschüss’.

Ich will nicht abstreiten, dass ich zu herrisch aufgetreten war. Doch im Moment fehlte mir das gewisse Einfühlungsvermögen, das sonst jeder von mir erwartete.

In mir bullerte ein Vulkan. Ich wollte diesen Schritt durchziehen, solange ich noch die Courage dazu besaß. Dennoch war ich alles andere als sicher, ob es der richtige Weg war, den ich beschritt. Und schon schmetterte ich ihm entgegen: „Ich hab keinen Bock mehr!“

„Bitte Herr Zopes, nehmen Sie doch Vernunft an“, flehte Weißmüllerchen.

Vor der geöffneten Tür hatte sich inzwischen das restliche Personal eingefunden. Aus den Augenwinkeln beobachtete ich erschrockene, aber auch heitere Gesichter. Diese hinterhältigen Schleimscheißer!

Meine Güte, war ich scheiße drauf! So etwas hatte ich in meinem Leben bisher weder gedacht, noch ausgesprochen! Fahr dich runter, Heribert! Nach dem ersten Glücksgefühl in dem Moment, als ich das Kündigungsschreiben dem Weißmüller auf den Tisch schmiss, setzte nun wieder ein, was mich die letzten Wochen in Bann gehalten hatte: Schwärze. Alles um mich herum war schwarz, außer meinem Büro, das in Grautönen gehalten war. Jeder, der mir in die Quere kam, nervte mich. An niemandem ließ ich ein gutes Haar. Zudem stellte ich mein gesamtes Leben in Frage. Nicht alle Kollegen hatten etwas gegen mich, auch wenn ich mich oft von ihnen distanzierte. Aber nur, weil ich mich am Bürotratsch nicht beteiligen wollte und meine Pausen auf die Minute einhielt.

Weißmüller wandte sich an seine Mitarbeiter: „Kann mir bitte jemand von Ihnen erklären, was mit Herrn Zopes los ist? Habe ich irgendetwas verpasst?“

Weißmüller, du versäumst dein ganzes Leben in diesem veralteten Büro, mitten in der Kölner City! Dort unten vor der Tür, nicht hier im achten Stockwerk, findet das Leben statt! Das sollte ich ihm vielleicht zum Abschied sagen. Schnell entschied ich mich anders. Jeder muss selbst wissen, was er aus seinem Leben macht. Für mich war es an der Zeit, etwas zu verändern. Den ersten Schritt hatte ich getan, die Schwärze bekam weiße Flecken! Ich räumte weiter die Schubladen aus. Die anderen zischelten untereinander. Niemand traute sich einen Schritt näher, Weißmüller schüttelte unentwegt den Kopf. Der Geruch abgestandenen Kaffees stand in der Luft, weil mal wieder keiner bereit war, neuen aufzuschütten.

Du kannst Weißmüller nicht in Ungewissheit sterben lassen, dachte ich sarkastisch. Er war immer höflich zu dir. Der beste, nein, mein einziger Chef, seitdem ich im Berufsleben stand. Ich sah auf und direkt in seine Augen.

„Sechser im Lotto!“ Ob er mitbekam, dass ich mir das Lachen kaum verkneifen konnte? Ein Kollege war im Begriff, sich auf mich zuzubewegen. Ich warf ihm einen scharfen Blick zu. Daraufhin mischte er sich wieder unter die anderen. Obwohl es genau der Kollege war, mit dem ich mir eine Freundschaft hätte vorstellen können. Es war nie dazu gekommen. Warum auch immer. Ich bemerkte, wie Weißmüller trocken schluckte und seine Fliege lockerte. „Aber ...“, stotterte er, „wieso haben Sie das nicht gleich gesagt. Meinen Glückwunsch. Dafür brauchten Sie nicht eine solche Show abzuziehen, schließlich sind wir all die Jahre gut miteinander ausgekommen. Abgesehen davon gönne ich Ihnen den Gewinn.“ Er kam näher. Hallo! Der will mich jetzt doch nicht etwa umarmen? Abrupt blieb Weißmüller stehen. Ihm war wohl selbst eingefallen, dass wir keine guten Freunde waren. So sollte es auch sein. Chef und Mitarbeiter, klare Grenzen, und nicht auch noch privat die besten Kumpels. Dann sah ich das Strahlen, aber auch den Neid in den Augen der anderen aufkeimen.

„Es war ein Witz!“ Hoffentlich fällt den Neidern nun alles aus dem Gesicht, ganz besonders den Botoxverseuchten. Diese gehässige Art an mir war etwas ganz Neues. Wieso schlichen sich auf einmal solch boshafte Gedanken in meinen Kopf?

„Herr Zopes, Sie mit Ihren Scherzen. Ihren Humor mochte ich immer schon.“ Weißmüller hatte sich wieder gefangen. „Darf ich nun den wahren Grund erfahren? Meinen Sie nicht selbst, nach Ihren zweieinhalb Jahrzehnten Betriebszugehörigkeit hätte ich ein Anrecht darauf?“

„Genau! Fünfundzwanzig Jahre zu viel! Ich habe einfach keinen Bock mehr.“

„Bitte?“

„Was ist daran so schwer zu verstehen. Ich sitze fünf Tage der Woche hier in meinem mausgrau gestrichenen Büro, an meinem grauen Schreibtisch, mit der grauen Lampe, an der ich mir mindestens zehn Mal am Tag den Kopf stoße. Doch ohne Licht geht hier im grauen Köln ja nix. Und wenn die Sonne mal scheint, muss ich die grauen Rollos runterziehen, weil ich sonst nichts auf dem Bildschirm sehe. Abgesehen davon ist auch das Kantinenessen teilweise unter aller Würde!“ Ich schielte auf meine Kollegen. Manche stimmten mir mit einem Nicken zu, die anderen zogen eine Grimasse. Niemals zuvor in den Jahren hatte mir das Kantinenessen etwas ausgemacht. Es war nicht das beste, doch genießbar. Und die graue Farbe im Büro war mir, um ehrlich zu sein, egal gewesen. Wichtig einzig und allein, dass ich mein Arbeitspensum täglich schaffte. Und da spielte es keine Rolle, in welcher Farbe die Wände gestrichen waren. Ganz zu schweigen von den Möbeln, auf denen sich eh die Aktenberge häuften. Irgendwie war ich selbst verblüfft über meine Aussagen.

„Das ist kein ausreichender Grund, seinen Job von jetzt auf gleich hinzuschmeißen“, meinte Weißmüller.

„Stimmt, aber ich habe gerade erst angefangen.“ Ich holte tief Luft und wollte wieder loslegen. Stockte dann. Mir fielen nicht die richtigen Worte ein, die genauestens wiedergaben, was in mir vorging.

Ich befand mich in einem Gefühlschaos, das kürzliche Fremdgehen meiner Frau war der erste Auslöser für die Schwärze, die mich seither gefangen nahm. Ich hatte händeringend nach einem Ausweg gesucht. Den Job zu schmeißen, kam mir nach einer schlaflosen Nacht als Auftakt zur Veränderung in den Sinn. Der Grund ging weder meinen Chef noch die Kollegen etwas an.

Schließlich war ich fertig mit dem Packen, klemmte mir den Karton unter den Arm und bahnte mir einen Weg aus dem Büro. Weißmüller lief hinter mir her, hielt mich am Arm fest. Beim Umdrehen stieg mir sein Schweißgeruch in die Nase.

„Kommen Sie in mein Büro. Es gibt für alles eine Lösung.“ Er war im Begriff vorauszugehen, drehte sich aber dann nochmals um. Wahrscheinlich, um sicher zu sein, dass ich ihm auch folgte. Doch ich dachte nicht daran. Stattdessen stimmte ich den Reinhard Mey Song an: „Gute Nacht, Freunde, es ist Zeit für mich zu gehen.“ Dann sagte ich noch: „Es liegt nicht an Ihnen oder an meinem Job, sondern ausschließlich an mir.“ Ich versuchte wenigstens versöhnliche Worte zu wählen, „Danke für die Jahre.“

Die Hälse der anderen reckten sich, sie brauchten nicht alles mitzubekommen.

„Tschüss.“ Ich hob eine Hand zum Gruß, während ich den Karton zwischen dem Kinn und der anderen balancierte. Dann ging ich zum Fahrstuhl und drückte den Knopf.

Die Tür der Eingangshalle schloss sich hinter mir. Nie mehr würde ich einen Fuß über diese Schwelle setzen. Das schwor ich mir, auch wenn mir insgeheim die Flatter ging, weil ich keinen blassen Schimmer hatte, was nun werden würde! Ab jetzt hatte ich Zeit genug, mir darüber Gedanken zu machen. Nach einigen Metern stellte sich eine gewisse Erleichterung ein. Ein Teil der Anspannung fiel von mir ab. Ich fühlte mich fast beschwingt, weil ich Mut bewiesen hatte. Und das war erst der Anfang!

2. Kapitel

Mein Weg führte mich am Kölner Dom vorbei. Vor dem Haupteingang fand eine Antiatomkraftdemonstration statt. Wie so oft in den letzten Monaten seit der Katastrophe in Japan. Fraglich war, ob die Politiker endlich wachgerüttelt wurden. Oder immer noch nicht kapierten, was auf dem Spiel stand. Obwohl ich zugeben musste, dass sie einiges veranlasst hatten. Ein Touristenschwarm sammelte sich. Das Auge auf dem Sucher und den Finger am Auslöser, um Fotos von dem eindrucksvollen Bauwerk zu machen. Manche von ihnen suchten einen Weg durch die Kundgebungsteilnehmer, um ins Innere des Doms zu gelangen. Ich zwängte mich durch die Menge. Eine junge Frau hielt mir eine Broschüre entgegen, ich winkte ab. Im Moment fehlte mir das Interesse dazu, auch noch die Welt ändern zu wollen. Ich hatte genug mit mir selbst zu tun. Fraglos egoistisch, doch im Augenblick unausweichlich. In einer Nische hockte ein Mann, eingewickelt in seinen Schlafsack. Ein Schäferhundmischling lag daneben, vor ihm ein ausgebeulter Hut mit einer Karte: Magst du mir etwas zum Fressen geben? Ich setzte den Karton auf den Boden. Dann nahm ich meine goldene Uhr ab, die ich zum fünfundzwanzigsten Dienstjubiläum erhalten hatte, und reichte sie dem Mann. Das war der letzte Schritt meiner beruflichen Befreiung. Der Mann sah mich verdutzt an, griff jedoch nicht danach.

„Nehmen Sie die Uhr ruhig. Die bringt ein paar Euros beim Pfandverleih. Und kaufen Sie sich und Ihrem Hund davon etwas zu essen. Oder schlafen Sie mal in einer anständigen Unterkunft.“ Ich drückte ihm die Uhr in die schmutzige Hand. Ohne auf ein Dankeschön zu warten, hob ich meine Bürosachen an und war im Begriff zu gehen. Blieb jedoch wieder stehen und setzte alles wieder ab. „Falls Sie Schwierigkeiten haben die Uhr einzulösen, soll der Händler mich anrufen.“ Nicht, dass der arme Kerl noch meinetwegen in den Knast musste! Ich zog aus der Anzuginnentasche meine Visitenkarte und einen Stift und schrieb kurz eine Notiz darauf. Die reichte ich dem Mann. Ein kurzer Gruß und ich verschwand eilig in Richtung Gleise.

Der Zug stand bereits da. Der Schaffner war gerade dabei, das Signal zur Abfahrt zu geben. In letzter Sekunde sprang ich hinein. Sofort schloss sich die Tür. Schnell brachte die Bahn mich meinem momentanen Zuhause näher. Die letzten Meter lief ich zu Fuß. Vor der Haustür parkte ein Lastwagen am Straßenrand. Ich legte einen Schritt zu, winkte dem Fahrer.

„Sie sind früh dran“, keuchte ich.

Der Mann grüßte, indem er seine Mütze kurz lüftete. Sein Beifahrer stieg aus. „Na, dann wollen wir mal!“ Er spuckte in die Hände, rieb sie.

Ich ließ die Männer ins Haus.

„Nur die Möbel, an denen Zettel hängen. Alles andere bleibt.“ Sofort fingen sie an, die Teile hinauszutragen. Im oberen Stockwerk schlüpfte ich aus dem Anzug in bequeme Jeans und Sweatshirt und half den Packern. Nach wenigen Stunden war der Laster beladen. Das Haus glich einem Lochmusterpullover, einige Maschen waren abhandengekommen. Ich schritt nochmals durch die Räume, nahm am Ende meiner Besichtigung vom Küchentisch einen Block und schrieb folgende Worte darauf: „Und tschüss!“ Als letzte Tat zog ich meinen Ehering vom Finger und klebte ihn mit Tesafilm daran. Ich deponierte meine Nachricht im Kühlschrank vor einer Flasche Wein. Zum letzten Mal an diesem Tag schloss ich eine Tür, ohne mich umzusehen. Auf meiner imaginären Liste in Sachen Lebensveränderung konnte ich einen weiteren Punkt als erledigt abhaken. Der Weg zum Licht am Ende des Tunnels wurde kürzer. Ich stieg in meinen BMW und fuhr dem Umzugswagen hinterher.

3. Kapitel

Gemütlich saß ich beim Nudelgericht. Der angenehme Duft mediterraner Kräuter schwebte in der Luft. Ich trank gekühltes Frühkölsch aus der Flasche und schaute dabei auf die Kölner Metropole, in weiter Entfernung. Mein neues Domizil lag im zehnten Stockwerk, in schwindelerregender Höhe. In den letzten Tagen hatte ich geschuftet, um die Wohnung angenehm zu gestalten. Ich richtete die Zimmer nach meinem Geschmack ein und mischte Neues mit den Möbeln aus der alten Wohnung.

Ich trug den Teller in die Küche und betrachtete, wie schon oft, die sündhaft teure Standuhr, die ich in einem Antiquitätenhandel erstanden hatte. Der Preis scherte mich einen Dreck, denn bis auf Isoldes gut gefülltes Geschäftskonto hatte ich alles leergeräumt und das Geld in den Spontankauf der Eigentumswohnung, die Standuhr und ein paar Kleinigkeiten gesteckt. Einen Teil zahlte ich aufs neu eröffnete Konto ein, den Rest legte ich in hochverzinste Aktienfonds an. Auch wenn das ein gewisses Wagnis bedeutete, doch wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Dadurch, dass ich meinen Job an den Nagel hing, bin ich kein geringeres Risiko eingegangen. Mit dem sicher angelegten Geld würde ich aber für eine Weile über die Runden kommen. Ich hatte in die Ehe Vermögen eingebracht. Im Grunde stand es mir zu, nun davon zu leben. Zu meinem Glück hatten wir bei der Eheschließung Gütertrennung vereinbart. Damals aus geschäftlichen und steuerlichen Gründen, heute kam es mir zugute. Zur Not könnte ich mich arbeitslos melden.

Nun schlug die Uhr acht. Behielt ich recht, würde das Telefon bald schellen. Im Stillen hatte ich mit mir selbst eine Wette abgeschlossen. Einsatz: Tiramisu und einen Espresso zum Nachtisch. Es klingelte!

„Haben wir eine neue Nummer?“, hörte ich meine Nochehefrau Isolde sagen. Sie befand sich, den Hintergrundgeräuschen nach, im Flughafengebäude.

„Schön, dass du deine Mailbox abgehört hast.“

„Mach ich immer.“

„Aber das erste Mal, wenn ich darauf gesprochen habe.“

„Und, was ist so wichtig? Ich bin gleich zuhause.“

„Ist deine Reise gut verlaufen?“

„Einige Abschlüsse in der Tasche.“ Stolz schwang in ihrer Stimme.

„Meinen Glückwunsch.“ Ich trank einen Schluck Bier.

„Also, was ist, haben wir eine neue Nummer oder wo bist du?“

„In meiner Wohnung.“

„Also neue Nummer, warum?“

Obwohl meine Betonung auf meiner lag, schrillten bei Isolde anscheinend nicht die Alarmglocken.

„Weil ich nicht mehr mit dir zusammenwohne!“ Ob dies nun klar und deutlich bei ihr ankam?

„Lass die Witze, ich bin vom Flug total müde. Gerade steuert ein Taxi auf mich zu. Ich häng ein, wir sehen uns gleich.“

Weg war sie. Ich konnte mir genauestens vorstellen, wie Isolde den Fahrer herbeiwinkte und ihm ein bezauberndes Lächeln schenkte. Abwarten war angesagt. Ich spähte wieder auf die Standuhr. Das Taxi würde ungefähr fünfunddreißig Minuten zur Wohnung benötigen. In der Zeit schaffte ich es locker, meine gewonnene Wette zu vertilgen.

„Bist du von allen guten Geistern verlassen?“, schnauzte Isolde durchs Telefon.

„Schmeckt der Wein?“

„Woher weißt du, dass ich ...“, stotterte sie.

Damit hatte ich ihr den Wind aus den Segeln genommen. Innerlich triumphierte ich! Langsam fand ich Gefallen am neuen Heribert.

„Isolde, ich bin siebenundzwanzig Jahre mit dir vereint gewesen. Du brauchst nach jeder Geschäftsreise erst mal einen Schluck Wein. Wenn du nicht als Erstes am Kühlschrank gewesen wärest, hättest du überlegt, ob bei uns eingebrochen worden ist.“ Ich lachte.

„Äh ... Und was soll das Ganze?“

Ich hörte, wie der Spätburgunder durch ihre Kehle floss. Sie hatte sich wieder gut im Griff.

„Na dann Prost, auf meine wieder gewonnene Freiheit.“ Ich stieß mit einer neu geöffneten Flasche an den Hörer. Wahrscheinlich zu heftig.

„Spinnst du?“, schrie sie.

„Ich bin ganz klar bei Verstand.“

„Heribert! Sag mir endlich, was hier abgeht.“

„Bist du blind oder stellst du dich nur blöd an? Das bin ich von dir überhaupt nicht gewohnt. Es ist doch wohl offensichtlich, dass ich ausgezogen bin.“

„Aber warum?“

„Du überraschst mich immer wieder. Warum?“

„Ja!“

„Jürgen, Hannes, Ludwig, André und wie heißt der noch, der jetzt mit dir auf Reisen war?“

„Du hast einen Knall!“

„Echt?“

„Du willst mir doch nicht allen Ernstes weismachen, dass du ausgezogen bist, weil ich meinen Assistenten in die Staaten mitgenommen habe? Ich war schließlich wochenlang dort, um Verträge abzuschließen. Da brauche ich einen Mitarbeiter an meiner Seite, dem ich die Formalitäten diktiere. Ach, was mache ich hier eigentlich, es gibt überhaupt keinen Anlass, mich zu rechtfertigen!“

„Auch nachts?“ Mir bereitete es großes Vergnügen, weiterzubohren.

„Heribert! Hör auf mit deiner ständigen Eifersucht. Das Thema haben wir seit Jahren durch!“

„Echt?“

„Was soll dauernd dieses blöde ‚echt’.“

„Dein dir assistierender Rotfuchs war am Telefon, als ich dich im Hotel anrief, um nachzufragen, ob du gut gelandet bist.“

Stille!

„Hallo, bist du noch da?“

Sie räusperte sich. „Das sagt gar nichts aus, wenn er am

Telefon war.“

„Stimmt. Doch er hat mir klar und deutlich zu verstehen gegeben, dass er erleichtert ist, weil ich es nun weiß. Er hat diese Heimlichtuerei der letzten zwei Jahre gehasst.“

„Echt?“

„Ich dachte, das Wort ist blöd!“

„Heribert, das mit Toni ist nicht so, wie du denkst.“ Versöhnlich kam ihre Stimme rüber, sie wollte mich damit geschmeidig machen. Ich kannte ihre Tour. Zu oft hatte sie dieses Spiel mit mir getrieben.

„Ach nee? Und wie ist es dann?“ Dieses Mal blieb ich hart.

„Ich lieb ihn nicht.“

„Das arme Tonilein.“

„Hör auf mit dieser ironischen Tour. Ist das deine neue Masche?“

„Ist dir lieber, wenn ich ihn Rotfuchs nenne?“

„Heribert!“ Isoldes Stimme überschlug sich.

„Ich bin nicht taub. Wenigstens streitest du dieses Mal deine Affäre nicht ab.“ Meine Kehle war trocken, ich kippte den Rest vom Kölsch in mich hinein. Ich hörte, wie Isolde hastig atmete, jedoch stumm blieb. Kein Widerwort, keine Entschuldigung, nichts? Es kotzte mich an. Obwohl ich es vorher gewusst hatte, traf es mich, dass meine Vermutung sich bewahrheitet hatte. Ich wollte nur noch eins, sofort auflegen, aber mit Stolz und nicht als gehörnter Ehemann.

„Mein Espresso wird kalt. Tschüss.“ Ich gebe zu, es war eine Lüge, der Espresso gehörte längst der Vergangenheit an, so wie jetzt auch Isolde. Ich hörte noch ihren klagenden Aufschrei, als ich das Gespräch wegknipste. Zu spät, Isolde, zu spät!

Der Anfang war gemacht. Aus Heribert, dem immer korrekten Controller, Ehemann in allen Lebenslagen, wurde Heribert, der Rebell, auf der Suche nach Abenteuern und dem Sinn des Lebens. Heribert, der aus der Schwärze heraustreten wird, hinein in ein sonniges Leben. So stellte ich es mir vor. Abgesehen davon brauchte ich dringend Ruhe. Bis jetzt war ich extrem angespannt gewesen und hatte zugleich gespürt, dass diese herablassende Art nicht zu meinem Wesen passte. Dennoch war es unmöglich gewesen, mich dagegen zu wehren. Nun hoffte ich, mit wachsendem Abstand mein Gleichgewicht wiederzufinden. Daher war ich im Reisebüro gewesen. Die Angestellte hatte mir Kreta ans Herz gelegt. Ein Lastminute-Arrangement. Singleclub an der Ostküste. Sofort hatte ich gebucht.

4. Kapitel

Ausgerechnet zur Stoßzeit musste ich los zum Flughafen, und wie zu erwarten, herrschte auf dem Zubringer stockender Verkehr. Stockend wie mein bisheriges Leben. Ich schaute aus dem Fenster, eine graue Wolke zog über uns hinweg. Der Taxifahrer hatte einen Musiksender eingestellt, eben erklang Don’t worry, be happy. Ich schickte ein Stoßgebet zum trüben Himmel: Mögen endlich alle schwarzen Töne aus meinem weiteren Leben verschwinden! Ganz glaubte ich ja nicht dran, aber eines war gewiss, in wenigen Stunden würde ich auf Kreta landen und die Sonne genießen dürfen. Der Fahrer verwickelte mich in ein Gespräch über das verrückte Wetter Ende Juli, ich hörte ihm nur halbherzig zu. Als er dann darüber quatschte, was für eine Messeausstellung in Köln-Deutz angesagt war und dass er dadurch Überstunden zu leisten hatte, klinkte ich mich einfach aus und gab hin und wieder ein ‚Mhm’ von mir. Wahrscheinlich fiel ihm mein Desinteresse auf. Er warf mir einen scharfen Blick durch den Rückspiegel zu und drehte die Anlage laut. Herbert Grönemeyer. „Liebe ab und an, weil man nichts vorausschauen kann“, tönte mir entgegen. Grönemeyers Worte nahmen mich gefangen. „Fernweh, nach Wiesen, Eis, Strand, Wasserfällen. Mir tut’s im Kern weh. Will ganz weit weg, nur weg. Fernweh. Nach Monsun, Regenzeit, Stromschnellen. Bevor ich hier am Rad dreh, ohne Sinn und Zweck.“ Er sang mir aus der Seele. Ich war ziemlich aufgewühlt, denn es war mein erster Flug seit Jahren. Der Fahrer setzte mich am Terminal ab und rauschte sofort davon, ohne sich für das großzügige Trinkgeld zu bedanken. Egal! Er hatte Stress. Ich nicht! Schließlich befand ich mich auf dem Weg in den Urlaub. Weit weg von all dem, was mich seit Wochen gefangen hielt. Erleichtert, alles hinter mir zu lassen, abzuschütteln und die Sonne zu genießen. Ganz sicher würde ich in der Erholungsphase den wahren Heribert wiederfinden.

Am Abfertigungsschalter dudelte mein Handy. Ich trat aus der Reihe.

„Erstaunlich, dir ist meine Handynummer bekannt?“, meinte ich, nachdem ich gesehen hatte, dass es sich um Isolde handelte. Da war er wieder, der sarkastische Heribert. Diese Art zu reagieren kam sicherlich vom Schmerz, der tief in mir steckte. Ich versuchte mich auf Isolde zu konzentrieren, obwohl der Wunsch, das Telefon zu zerdeppern, groß war.

„Heribert hör endlich auf, dich über mich lustig zu machen. Dieser Stil passt nicht zu dir.“

„Ich habe gerade keine Zeit. Was willst du?“

„Der holländische Platzvermieter für unseren Wohnwagen hat angerufen, um mir mitzuteilen, dass der Caravan samt Vorbau nicht mehr da ist. Mit anderen Worten, uns wurde unser Urlaubsdomizil geklaut. Na, was sagst du jetzt?“

Zum Glück konnte sie nicht sehen, wie ich meine Augen verdrehte. „Es war immer dein Wunsch, dort die beste Zeit des Jahres zu verbringen. Ich wollte in den Süden. Durch deine ständigen Dienstreisen wurde dies jedoch von dir jedes Mal gestrichen.“

„Du gehst ziemlich gelassen mit dem Diebstahl um.“

Es war an der Zeit, sie aufzuklären. „Nicht gestohlen, ich habe ihn veräußert. Die Anmeldung lief auf meinen Namen. Und nun lass mich, ich hab zu tun.“

„Verkauft? Ich glaub es nicht! Hast du noch alle Tassen im Schrank?“

„Nicht alle, ein paar habe ich dir gelassen.“

„Toll, Heribert. Du bist einfach so total cool geworden.“ Das war zweifelsfrei ironisch gemeint. Ich ging gar nicht erst darauf ein und schaute zum Schalter, damit der nicht geschlossen wurde, bevor ich eingecheckt hatte.

„Was hast du sonst noch alles während meiner Abwesenheit veranlasst?“, fragte sie genervt.

„In den drei Wochen? Einiges, du wirst schon selbst darauf kommen. War’s das jetzt?“

Durch den Lautsprecher erklang eine Ansage und unterbrach unser Gespräch für einen Moment.

„Sag jetzt nicht, dass du am Flughafen bist“, fauchte Isolde.

„Richtig erkannt.“

„Wohin fliegst du?“

„Es geht dich zwar nichts mehr an, aber bevor du mir keine Ruhe lässt und ständig anrufst: Kreta, Club Delphino, an der Ostküste.“

Stille.

„Singleclub, wenn du es genau wissen magst.“

Stille.

„Bist du noch da?“, fragte ich.

Endlich war das Gespräch beendet. Ich schob das Handy in die Hosentasche und reihte mich wieder am Schalter ein. Vor mir wartete eine Gruppe Frauen. Ich schätzte sie auf fünfunddreißig bis Ende vierzig. In zwei Jahren würde ich meinen fünfzigsten Geburtstag feiern, ging mir durch den Kopf.

Ungewollt horchte ich ihren Gesprächen. Kegelclub aus Köln-Nippes! Zehn Tage Wellnessurlaub auf Kreta. Ich lächelte. Dann war ich endlich dran, gab den Koffer auf.

„Führen Sie im Handgepäck irgendwelche Flüssigkeiten mit sich?“, fragte die Angestellte der Fluggesellschaft.

„Nein.“ Das wusste ich zum Glück von Isolde, die ständig meckerte, dass sie kein Parfüm mit in den Flieger nehmen durfte. Sie kaufte sich sofort nach der Kontrolle eins im Shop. Als wenn dies so wichtig gewesen wäre. Aber Isolde ohne Duftnote kannte ich gar nicht.

Ich nahm die Bordkarte entgegen. Mein Handy dudelte ein weiteres Mal. Zum Glück hatte ich die Abfertigung hinter mir.

„Was willst du noch?“ Ich gebe zu, ich war gereizt.

„So einfach geht das alles nicht, Heribert!“, keifte Isolde.

„Wieso? Man gibt das Gepäck und das Ticket ab, danach erhält man die Bordkarte.“

„Das meine ich nicht, sondern dass du aus meinem Leben verschwindest. Schließlich habe ich die besten Jahre meines Lebens an dich verschwendet.“

„Weise gesprochen! Ich muss los“, beendete ich den sinnlosen Dialog. Schüttelte den Gedanken ans Gesagte ab und konzentrierte mich aufs Wesentliche. Gate B 32? Ich rannte die Halle einmal rauf und runter und fand den Eingang nicht. Der Flughafen hatte sich in den letzten Jahren stark verändert. Drum steuerte ich auf eine der Kegelschwestern zu. „Wissen Sie, wie man zum Gate B 32 kommt?“

Kurz darauf klingelte das Handy erneut. Isolde! Nun schaltete ich es komplett aus.

„Entschuldigung.“ Ich deutete aufs Telefon.

„Wir haben die gleiche Richtung“, antwortete die Frau. Schon wurde ich in die Runde der Kegelschwestern aufgenommen, vergaß in dem Moment Isolde, verbannte sie imaginär in eine Kammer, drehte den Schlüssel um und schmiss ihn in den Rhein. Sofort fühlte ich mich sauwohl. Wir kamen an einer Bar vorbei.

„Sie halten die Bordkarte in der Hand. Schauen Sie doch mal drauf, haben wir nicht Zeit für einen Prosecco?“, fragte die Frau und drehte sich zu ihren Freundinnen um, die nun alle gebannt auf mich schauten.

„Also“, ich warf einen Blick auf die Bordkarte, „wir müssen in einer halben Stunde zum Gate rein.“

„Super!“, schallte es mir mehrstimmig entgegen. Schon zogen sie mich zur Theke und bestellten acht Gläser. Ich belustigte mich bei dem Geschnatter, obwohl ich mich ein wenig außen vor fühlte. Es lag bestimmt an meiner Anspannung und dass ich diese sprudelnde Fröhlichkeit um mich herum seit vielen Jahren nicht gewohnt war.

„Hört mal“, rief plötzlich die Frau, die ich vorhin nach dem Gate gefragt hatte, „wir sind vielleicht unhöflich. Wir haben uns dem Herrn gar nicht vorgestellt. Da ich die Älteste bin, fang ich mal an. Sabine, frisch geschieden, hab einen Friseursalon in der Kölner Innenstadt.“

Ich nickte, der Beruf war ihr anzusehen. Blonde Strähnen glitzerten in ihrem sonst rötlichen Haar.

„Petra, aus Überzeugung alleinstehend, Betriebskauffrau.“

Peng! Tolle Figur, super Aussehen, niedliches Lächeln, dachte ich und traute mich, ihr zuzuzwinkern.

„Andrea, Sonnenstudiobesitzerin in Hürth. Und liiert mit ...“

„... mir, Susi. Künstlerin.“

„In welcher Kunstbranche denn“, fragte ich interessiert. Mir fehlten für die neue Wohnung noch ein paar Bilder an der Wand.

„Malerin.“

„Stellen Sie in einer Kölner Galerie aus?“

„Bundesweit.“

„Halt!“, rief Sabine, „darüber könnt ihr euch später unterhalten, erst mal alle vorstellen, dann können wir auf du und du trinken. Ich bestell schon mal die nächste Runde.“

Ich lächelte die hübsche Dunkelhaarige an. Ihr frecher Kurzhaarschnitt passte hervorragend zu ihrem Gesicht. Die grünen Augen funkelten mich an. Für mich hatte sie einen Hauch zu tief in die Schminkkiste gegriffen, aber nicht abstoßend, sondern eher anregend. Eine fantastische Figur. Die eng anliegende Lederhose ließ erotische Fantasien in mir aufkommen. Sie trug eine kurze Lederjacke mit Glitzersteinen. Ein wenig zu viel Glamour, dennoch konnte ich meine Augen nicht von ihr abwenden. Die Bluse war weiß und tief ausgeschnitten. Eines war mir augenblicklich klar: Die könnte mir enorm gefährlich werden!

„Ich bin Lisa.“

Ich erschrak bei ihrer dunklen Stimme. Das durfte nicht wahr sein! Im Nu verpuffte meine Illusion. Außerdem, was wollte ich überhaupt? Ich hatte mich gerade getrennt. Reichte mir die eine Enttäuschung nicht aus? Musste ich meinem Ego irgendetwas beweisen und sofort eine andere Frau erobern? Das passte überhaupt nicht zu mir, einem treuen Ehemann, der nie einer anderen Frau ernsthaft hinterher geschaut hatte. Was war ich für ein Trottel gewesen! Wer weiß, was mir alles entgangen war. Schluss damit! Jetzt war erst einmal eine frauenfreie Zeit angesagt!

„Mir gehört der Transvestitenschuppen in der Altstadt. Schon mal da gewesen?“, hörte ich Lisa sagen.

Ich räusperte mich. „Ja.“

„Und?“

„Ihr sollt euch erst nur vorstellen“, mahnte Sabine.

„Ich bin die Gundi. Wie sagen die in der Werbung immer so schön: Ich manage ein kleines Familienunternehmen. Vier Kinder, zwei Enkel, zwei Hunde, eine Katze und einen faulen Mann, ständig auf der Couch vor dem Fernseher.“

„Du bist schon Oma, alle Achtung!“ Ich konnte es kaum fassen. Sie war sicherlich jünger als ich. Gundi strahlte Mütterlichkeit aus, ihre Rundungen passten gut dazu. Sie kam mir sofort als aufgeschlossene und sympathische Frau herüber, mit viel Humor.

„Die machen doch nu schon mit vierzehn rum“, antwortete Gundi.

„Ich bin an der Reihe. Felizitas, Model für Übergrößen, verheiratet, zwei Kinder.“

Noch bevor ich mir ein Bild von ihr machen konnte, wurde ich von rechts angesprochen.

„Und wer bist du?“ Sabine kam mir in der Zwischenzeit als Redeführerin vor.

„Heribert, frisch getrennt, frisch arbeitslos.“

„Dann sind wir durch. Los Mädels, Heribert, Prost!“

„Letzter Aufruf des Fluges Germanwings nach Heraklion. Bitte kommen Sie sofort zu Gate B 32.“

„Das sind wir!“, rief Sabine, setzte ihr Glas ab und sah in die Runde. „Los beeilt euch, wir müssen durch die Kontrolle.“

So schnell ihre hohen Hacken es zuließen, stöckelten die Kegelschwestern los, ich trottete hinterher.

„Achtung bitte, die Passagiere Zopes, Lembrau, Schneider, Winkelzug, Petermann, Kluge, Heinrich, Bauer und Tölz, gebucht für den Flug von Germanwings nach Heraklion, bitte kommen Sie unverzüglich zu Gate B 32, der Flieger steht zum Abflug bereit.“

Bei der Kontrolle konnte ich es nicht fassen. Hatten die Frauen keine Ahnung, was es mit flüssigen Gegenständen auf sich hatte? Ich war beim Einchecken danach gefragt worden, sie anscheinend nicht. Parfüm, Getränke und Cremes wanderten in den Mülleimer. Mir kam es vor, als bräuchten wir ewig, um zum Gate zu gelangen. Außer Atem erreichten wir es, die Angestellte der Fluggesellschaft war gerade dabei, den Schalter zu schließen.

„Wir wurden aufgerufen. Entschuldigung, wir haben die Zeit vergessen“, sagte Sabine und lächelte die junge Frau an.

„Einen Moment, ich muss erst Rücksprache mit dem Kapitän halten.“ Sie griff zum Hörer und gab die Meldung durch. Es dauerte einen Moment. War hier mein Urlaub bereits beendet? Nein! Sie öffnete die Pforte, zügig fertigte sie uns ab. Wir liefen durch den Tunnelgang. Die Tür vom Flieger war bereits geschlossen. Doch durch die Geräusche erkannte ich, sie würde sich jeden Augenblick wieder öffnen. Da hatten wir aber wirklich Glück gehabt, dass sie so kulant gewesen sind. Das hätte auch schief gehen können. Einem Gentleman gleich ließ ich die Frauen zuerst einsteigen. Dann bedankte ich mich galant beim Flugpersonal.

5. Kapitel

Ich konzentrierte mich auf die Nummer über den Sitzen, um nicht in die Gesichter der Passagiere schauen zu müssen. Die Damen hatten die vordersten Reihen zugewiesen bekommen. Ich kam in den Genuss, mich bis zur letzten durchzuarbeiten.

„Mensch, mach Alter. Hast wohl nach dem Rummachen mit den Tussis keine Kraft mehr, bis zu deinem Sitz zu kommen. Aber wir wollen nu endlich in Urlaub. Also mach hinne!“, rief mir ein Stänkerer zu.

„Neidisch?“

Der Typ zeigte mir den Stinkefinger. In dem Moment, als ich ihm mit meiner Faust drohen wollte, tönte es durch den Lautsprecher: „Bitte nehmen Sie Ihren Sitzplätze ein.“ Schnell machte ich, dass ich weiterkam. Als ich endlich in meiner Reihe ankam, stellte ich fest, dass mein Sitzplatz am Gang besetzt war.

„Entschuldigen Sie, das hier ist meiner.“ Ich zeigte den Abschnitt der Bordkarte vor.

„Zu spät kommen und dann Ansprüche stellen“, antwortete mir der fleischige Mann. Seine Augen flammten mich an.

„In der letzten Reihe der Herr, bitte setzen Sie sich, wir sind klar zum Starten“, kam es durch den Lautsprecher.

Sämtliche Augen aus den fünfunddreißig Reihen vor mir, à sechs Personen, schauten mich an. Ich zog den Kopf ein und zwängte mich an dem Mann vorbei auf den mittleren Sitz. Am Fenster saß, soweit ich das einschätzte, die bessere Hälfte des Mannes. Was ihre Statur betraf, stand sie ihm in nichts nach. Umständlich versuchte ich mich anzuschnallen. Danach hielt ich die Arme fest an den Körper gedrückt, für mehr war kein Raum. Schon hob der Flieger ab. Die Frau neben mir malte unablässig mit den Zähnen auf einem Kaugummi, hin und wieder gähnte sie. Ihr Mann hielt sich oft die Nase zu, blähte die Wangen auf und blies heftig. Ich ging davon aus, dass er Druck auf den Ohren hatte. Bald schwebten wir über den Wolken und mein Sitznachbar beendete seine Walrossgeräusche.

„Guten Tag, meine Damen und Herren“, erklang eine verzerrte Stimme aus dem Lautsprecher. „Mein Name ist Kapitän Zander. Ich möchte mich hiermit für die Verspätung entschuldigen.“

Überführt senkte ich den Blick auf meine Knie. Der Mann neben mir blies scharf durch seine Nüstern. Schon gut, ich hatte verstanden!

„Unsere Flugzeit beträgt zwei Stunden und fünfzig Minuten. Die Flugroute führt uns über Österreich, Zagreb, an der Adria-Küste entlang nach Kreta. Ich werde mich später noch einmal bei Ihnen melden und wünsche Ihnen einen angenehmen Flug.“ Das Gekrächze verstummte mit einem Knacksen. Bei all der innovativen Technik schien es bis heute ein Ding der Unmöglichkeit, diese Mikrofone und Boxen in Flugzeugen so aufzurüsten, dass die Stimmen halbwegs erträglich klangen. In all den Jahren meiner Flugabstinenz hatte sich in der Richtung nichts weiterentwickelt. Nun begannen die Stewardessen, die Rollschränke mit Getränken und Speisen durch den schmalen Gang zu manövrieren.

„Gerda!“, schrie mein Nachbar.

Die Gerufene drehte sich zu ihm und stieß mir ihren Ellbogen in den Magen. Ohne sich zu entschuldigen, sagte sie: „Was willst du, Otto.“

Otto und Gerda! Das passte irgendwie zu ihrem Aussehen, ihren Manieren und überhaupt. Ich hatte keine Lust, weiter darüber nachzudenken, warum ich derart genervt von den Beiden war, und versuchte mich zwischen den mächtigen Körpern zu entspannen. So gut es eben ging. Ich schloss die Augen. Zwei Sekunden lang, denn dann blies Ottos heißer Atem in mein Ohr: „Ist draußen Land zu sehen?“ Otto drückte seinen Oberkörper an meine Schulter, schob mich dadurch näher an Gerda und versuchte, einen Blick nach draußen zu erhaschen. Okay, das mit der Entspannung ließ ich bleiben und presste mich gegen die Rückenlehne. Mein unüberhörbares Räuspern führte zu keinerlei Reaktion.

„Sieht alles ziemlich klein aus“, meinte Gerda, die mich mit ihrem Hintern rammte, weil sie sich wieder zum Fenster drehte.

„Na, dann“, sagte Otto und ich atmete erleichtert durch, denn er neigte sich nun in Richtung Gang. „Wir bekommen bald was zu futtern. Es riecht schon verführerisch“, er lächelte mich an. Ich verzog mein Gesicht zu einem Grinsen und war jetzt schon gespannt, ob ich überhaupt in der Lage sein würde, das Tablett entgegenzunehmen. Gerdas Ellbogen schwappte über meiner Lehne, als sie ihr Tischchen in Vorfreude aufklappte. Ottos ausladender Schenkel drückte sich gegen meinen, obwohl ich die Beine zusammenpresste. In meinen Armen liefen Ameisen, fein, da kam ja noch mehr Freude auf.

Das routinierte Lächeln der Stewardess schwebte mitsamt Gerdas Tablett über mir.

„Was möchten Sie trinken?“, fragte die Stewardess, ihr Blick haftete auf Gerda.

„Was trinkst du, Otto?“, rief sie rüber.

„Cola.“

„Für mich auch Cola“, bestellte daraufhin Gerda. Als sie den Plastikbecher in Empfang nehmen sollte, entschied sie sich um. „Also, mir ist lieber ein Tomatensaft. Das wird ja immer in Flugzeugen getrunken, stand vor Kurzem in der Zeitung. Muss ja irgendeinen Grund haben. Denke, der verträgt sich in dieser schwindelerregenden Höhe besser mit dem Essen.“

Wow! Was für eine Aussage, die dort aus ihrem Munde kam. Heribert, maßregelte ich mich, bitte nicht so sarkastisch. Das sind sicherlich ganz liebe Leute! Es liegt an dir, an deinen derzeit schlechten Nerven.

Gerda empfing das eingefrorene Lächeln von der Bedienung, die Otto die Cola reichte. „Danke, aber ich möchte auch einen Tomatensaft. Immer was für die Gesundheit tun.“

Wieder ein Lächeln. Jetzt wirkte es wie geschnitzt.

„Geben Sie mir die Cola“, entschied ich spontan, obwohl Cola mit das Einzige war, was ich eigentlich nicht trank. Dafür erntete ich ein ehrliches, bezauberndes Lächeln mit einem gesäuselten: „Danke.“ Die junge Dame wandte sich erneut an Gerda: „Möchten Sie Pfeffer und Salz zum Tomatensaft?“

„Nimmst du, Otto?“

„Klar, sonst schmeckt es sicher fad.“

Schon bekamen sie die Gläser gereicht, zusammen mit einem Löffel und den Gewürzen. Endlich waren die beiden beschäftigt und auf jeden Fall still. Ich überlegte, ob nun der richtige Zeitpunkt war, mein Tischchen aufzuklappen. Großzügigerweise half Otto mir dabei, denn mein Tablett war bereits im Anflug. Nach Sekunden, in denen Otto seine Speisen begutachtet hatte, ging es wieder los. „Gerda willst du meinen Joghurt? Ich tausche gegen den Keks.“

„Otto, mein Essen ist total versalzen, lass mich mal deines probieren“, posaunte Gerda.

Ich kreuzte meine Hände flach über der Brust, machte mich möglichst platt und zog den leichten Bauchansatz ein, während die Herrschaften die Speisen hin- und hertauschten. Ich entschied mich für geduldiges Warten, bis die zwei zu Potte gekommen wären. Es fiel mir schwer, weil mein Magen schon verdächtig laut knurrte. Ich schielte auf Otto und Gerda, ob sie das mitbekommen hätten. Ganz unerwartet trat Ruhe in der letzten Reihe ein. Jetzt aber! Gerade als ich das Besteck aus dem Tütchen nahm, meinte Otto: „Wenn Sie nix essen wollen, also ich würde nicht Nein sagen. Sie verstehen?“

Klar verstand ich. Aus Grausen, seine Hand würde jeden Moment mein aluminiumverschlossenes Gericht berühren, bewegte ich mich zu hastig nach vorne. Die übriggebliebene Cola schwappte aus dem Glas und ergoss sich auf meine Jeans. Ich zog die Serviette aus dem Tütchen, tupfte die Hose ab und stieß dabei ans Tischchen, das aufbockte und die Teile darauf ins Rutschen kamen.

Mach dir keinen Stress, Heribert!, ermahnte ich mich.

„Bevor Sie das Essen wegschmeißen, hätten Sie es Otto ruhig geben können“, meckerte Gerda. Ich grinste, während ich mich bemühte, das Klappding wieder in eine waagerechte Lage zu bekommen. Erleichtert stellte ich fest, dass nichts weiter ausgelaufen war. Endlich öffnete ich den Deckel. Nudeln mit Minihackbällchen und einem Klecks Tomatensoße. Schon beim ersten Happen beruhigte sich mein Magen. Dann hörte ich das Rattern des Servierwagens. Ich streckte mich, schaute über die Sitzreihen. Sie waren bereits beim Abräumen! Schnell schlang ich die letzten Brocken herunter. Klemmte Joghurt und Keks ins Netz, dort wo die SOS-Liste steckte und reichte das Tablett an die unentwegt lächelnde junge Dame. Erst dann schnallte ich, dass ich vergessen hatte, den Löffel zu behalten. Shit, da war die Idee mit dem Joghurt gegessen. Ich knabberte am Gebäck, was zur Folge hatte, dass im Colafleck nun Krümel klebten.

„Na, das geht bestimmt schlecht raus“, gab Gerda ihren Senf dazu. Flugs zog sie ein Taschentuch heraus, bespuckte es und war im Begriff, mir zwischen die Beine zu gehen. Wie der Blitz klappte ich das Tischchen wieder runter und stützte meine Unterarme darauf. Gerda zog sich unverrichteter Dinge zurück, nicht ohne ein unmissverständliches Gemurmel über die Undankbarkeit der Menschen. Ich nahm mir vor, mich während der restlichen Flugzeit auszublenden und schloss die Augen. Mein Vorhaben ließ sich jedoch nicht umsetzen! Otto schnarchte unüberhörbar mit offenem Mund. Auf der anderen Seite kramte Gerda raschelnd Plätzchen, Chips und Salzstangen aus dem Handgepäck und reichte sie Stück für Stück über mich hinweg Otto zu. Jedes Mal wachte er kurz auf, steckte das Gereichte in den Mund, schluckte hastig und nickte wieder ein. Zu guter Letzt zerrte Gerda eine Tafel Schokolade aus ihrem Beutel. „Willst du ein Stück, Otto?“, pfiff sie in mein Ohr.

„Halt!“, schrie ich. Ich war es satt!

Beide sahen mich entgeistert an.

„Wollen Sie auch?“ Gerda hielt mir die Tafel entgegen.

„Ich habe eine Frage“, sagte ich. „Wieso setzen Sie sich nicht nebeneinander? Haben Sie mal darüber nachgedacht, wie ich mich dabei fühlen könnte, wenn ständig Zeugs über mich hinweg wandert?“

„Können wir etwas dafür, wenn Sie erst zu spät kommen und dann das Essen auf Ihre Hose schmeißen? Lassen Sie mal Ihre schlechte Laune nicht an uns aus“, sagte Gerda.

„Ich meinte, ich sitze hier zwischen Ihnen, total eingepfercht, und habe ständig Angst,

Sie hauen mir eins vor den Kopf.“

„Ist doch nicht passiert. Abgesehen davon, warum buchen Sie nicht First Class, dann haben Sie mehr Platz.“ Otto griff nach der Schokolade. Knack! Er hatte sich ein großes Stück abgebrochen, stopfte es in sich hinein.

„Hi, Heribert.“ Petra, die Betriebskauffrau, stand im Gang. Wieder machte es peng bei mir. Ich war nicht fähig zu antworten. Nach Ottos Gardinenpredigt fehlte mir erst einmal die Luft dazu.

„Alles klar bei dir?“

„Nee, nix ist klar!“, presste ich heraus.

„Du hast ein ziemlich rotes Gesicht“, meinte sie und achtete dabei auf das Toilettenzeichen. Noch stand es auf Rot. Ich wollte gerade antworten, da schlug es auf Grün um und Petra drückte sich an einem anderen Passagier vorbei in die Kabine. Prompt verspürte auch ich Druck auf der Blase. Es würde ewig dauern, bis ich an der Reihe war. Drei andere standen schon in der Schlange und hielten Small Talk. Ich nahm die Einhalteposition ein. Als Petra endlich erschien, sah sie verändert aus. Braun das Gesicht, Lidschatten und total rote Lippen. Ein blumiger Duft legte sich auf meine Zunge. War sie es überhaupt? Ich kniff die Augen zusammen, weil ich selbst an mir zweifelte. Ja, sie war es. Und sie sah zum Anbeißen aus!

„Bis später, Heribert.“ Sie lächelte und ich zählte nur noch zwei Passagiere vor der Toilette. Ich schnallte mich schon mal ab. Einer!

„Darf ich bitte raus?“, fragte ich Otto. Statt sich zu erheben, rückte er ein wenig seine Beine zur Seite. Ich zwängte mich durch, schlug mit meiner Kniescheibe gegen seine. Geschafft. Ding Dong.

„Sehr geehrte Fluggäste, wir befinden uns im Landeanflug auf Kreta. Bitte suchen Sie unmittelbar Ihre Plätze auf, benutzen Sie nicht mehr die Toilette und schnallen Sie sich an. Vielen Dank.“

Auf einmal bekam ich einen Stoß von hinten und wäre bald auf Otto gefallen. Im letzten Moment konnte ich mich an der Rückenlehne festhalten und mein Gleichgewicht wiederfinden. Ich sah auf.

„Mensch Alter, blockier nicht den Weg!“ Der Stänkerer von zuvor! Er riss die Toilettentür auf und verschwand darin.

„He, es soll keiner mehr aufs Klo gehen!“, schrie ich ihm hinterher. Die Stewardess kam auf mich zu.

„Bitte nehmen Sie wieder Platz.“ Natürlich lächelnd.

Toll! Der Stänkerer durfte, und was ist mit meinem Bedürfnis? Widerwillig quetschte ich mich zurück auf den Sitz und zurrte den Gurt fest. Weiteres Einhalten war angesagt! Ich schloss die Augen und stellte mir vor, ich läge am Strand. Meeresrauschen ... Der Drang verstärkte sich. Dussel, doch nicht an Wasser denken! Ich legte die Arme wieder eng an den Körper und versuchte aus dem Fenster zu schauen. Leider versperrte Gerda die Sicht. Hin und wieder konnte ich an ihrem Kopf vorbei ein Stück Land erspähen.

Nachdem der Stänkerer an unserer Sitzreihe vorbei war, drehte er sich zu mir um und grinste triumphierend.

Bleib ruhig, Heribert! Den wirst du niemals mehr wiedersehen.

„Meine Damen und Herren. Hier spricht nochmals der Kapitän“, näselte es. „Wir werden mit kleinen Turbulenzen bei der Landung zu rechnen haben. Dafür erwartet Sie eine Bodentemperatur von fünfunddreißig Grad, Südwind. Wir danken Ihnen, dass Sie mit uns geflogen sind, und wünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt auf Kreta. Wir würden uns freuen, Sie auf einem Ihrer nächsten Flüge wieder an Bord begrüßen zu dürfen.“

Turbulenzen! Na, so schlimm würde es ja nicht werden, der Flug war bis jetzt ruhig verlaufen, dachte ich und verdrängte den Gedanken an eine Toilette.

Doch es sollte ganz anders kommen, oder genauer gesagt: Woher kam auf einmal dieser Sturm? Der Flieger wackelte. Kinder fingen an zu schreien, einige Passagiere hörte ich tief ein- und ausatmen. Gerda betete, Otto lachte. Es krachte in der Gepäckablage. Erschrocken sah ich hoch. Eine Klappe hatte sich geöffnet. Zum Glück fiel nichts runter. Ottos Lachen war unerträglich. Hin und wieder schrie er: „Hui.“ Fehlte nur noch, dass er seine Arme schwenkte wie bei einer Talfahrt auf der Achterbahn.

„Otto, wir sind fast unten, aber ich sehe nur Wasser!“, schrie Gerda. Unüberhörbar für alle Fluggäste! Die Passagiere, die nicht am Fenster saßen, stützten sich so gut es ging im Sitz hoch und versuchten, über ihren Nachbarn hinweg einen Blick nach draußen zu erhaschen.

„Gerda, siehst du gar kein Land?“

Nee Otto, nix! Du lieber Gott, wir stürzen ins Meer!“, schrie sie.

„Meine Güte!“, rief ein Fluggast von gegenüber, letzte Reihe. „Hier ist Land zu sehen. Beruhigen Sie sich, Sie machen noch die ganzen Leute verrückt.“

Ein heftiges Ruckeln, und dann wurden wir in unseren Sitzen nach vorn gezogen. Vollbremsung! Aber wenigstens Land unterm Hintern, dachte ich. Der Gedanke an eine Toilette gehörte längst der Vergangenheit an. Es knackte im Lautsprecher. „Wir sind soeben auf dem Nikos Kazantzakis Flughafen auf Kreta gelandet. Bitte bleiben Sie angeschnallt, bis wir unsere Parkposition erreicht haben und sich das Zeichen über Ihnen ausschaltet. Wir danken Ihnen, dass sie mit Germanwings geflogen sind, und wünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt.“

Wie auf Kommando standen achtzig Prozent der Passagiere auf. Eine Minute später dudelten unzählige Handys. Dicht gedrängt versuchten die Leute im Gang an ihr Gepäck in der Ablage zu kommen. Dabei steckte der Eine oder Andere Rippenstöße ein, die nicht ohne schimpfenden Kommentar blieben. Ich starrte aufs Anschnallzeichen. Noch leuchtete es auf.

„Kann ich bitte raus?“, fragte Gerda und erhob sich.
„Tut mir leid, ich warte, bis wir die Erlaubnis bekommen, uns abzuschnallen.“

Da Otto bereits die Taschen aus der Ablage herauszerrte, drängte sich Gerda an mir vorbei. Nicht ohne mir auf die Zehen zu steigen. Doch im Gang war kein Platz mehr für sie. In schräger Haltung hielt sie sich an Ottos Sitz fest und schnaufte. Ich schüttelte den Kopf. Warum sich das antun? Das Zeichen erlosch, ich schnallte mich ab. Die Türen öffneten sich. Wie immer es auch dazu kam, auf einmal stand ich im Gang und Otto und Gerda hinter mir. Somit konnte ich ruckzuck raus aus dem Flieger. Ich bedankte mich bei der bezaubernden Stewardess. Als ich auf der Treppe stand, strömte sofort heiße Luft in meine Lungen. Aber hallo!

„Erst sitzen bleiben, dann als Erster raus wollen und stehen bleiben. Sie halten den Verkehr auf!“ Gerda schubste mich in die Rippen.

„Danke!“, sagte ich und warf ihr einen scharfen Blick zu. Sie ignorierte ihn. Dann wurde ich von den Nachdrängenden die Stufen hinuntergetrieben. Froh, Boden unter den Füßen zu spüren, blieb ich erneut stehen und sah mich um. Da war mir klar, warum der Pilot eine Vollbremsung vollzogen hatte. Die Rollbahn war ziemlich kurz. Aber nu los zum Bus. Schon von außen konnte ich erkennen, jeder wollte an der Tür stehen. Ich zwängte mich an Gerda, Otto und all den anderen Herrschaften vorbei, hinein ins freie Mittelfeld. Die Kegelschwestern erspähte ich nicht. Da sie vorne ausgestiegen waren, befanden sie sich vermutlich im anderen Bus. Die Automatik der Türen blockierte und verhinderte, dass sie sich schlossen. Gerda und Otto kämpften um den Platz am Ausgang und zogen ihre Bäuche ein. Tür zu! Der Bus fuhr los. Nur eine kleine Strecke, man hätte zu Fuß gehen können, da hielt er an. Ich wollte mir Zeit lassen, wurde jedoch von anderen gestoßen und ins Freie geschoben. Im Fluggebäude zerstreute sich die Menge. Ich sichtete ein Toilettenzeichen und nahm die Gelegenheit wahr. Vor dem Damenklo stand eine Schlange. Ich zog siegessicher daran vorbei und war in dem Moment glücklich, ein Mann zu sein. Von wegen! Die Pinkelbecken waren doppelt belegt, die schließbaren Toiletten besetzt, und mein Druck war kaum noch auszuhalten. Ich ging zurück, schielte zum Damenklo. Die Schlange hatte sich verzogen. Es schien leer zu sein. Ich spähte links, ich blickte rechts, und dann sprintete ich hinein. Rums! Ich stieß mit Lisa zusammen. Vor Schreck hätte ich bald in die Hose gemacht.

„Was machst du denn hier?“, fragte sie.

„Das gleiche könnte ich dich fragen. Geht aber jetzt nicht.“ Schwupps war ich hinter einer der Türen verschwunden und erleichterte mich. Als ich wieder heraustrat, war die Etage leergefegt. Ich lief zur Rolltreppe, die zu den Kofferbändern führte. Dort erwartete mich ein wahnwitziges Getümmel von Ankommenden. Kämpfe um Gepäckwagen spielten sich ab, ich hörte Otto nach seiner Gerda schreien. „Los renn, bevor wir keinen von diesen Dingern mehr bekommen!“ Und seine Liebste rannte los. Ich war erstaunt, wie schnell sie sich fortbewegen konnte. An dieser Stelle möchte ich anmerken, ich hege keine Antipathie gegenüber korpulenteren Menschen. Ich selbst gehörte einmal zu dieser Gruppe, bevor ich mich zwang, weniger in mich reinzustopfen. Seitdem halte ich mein Gewicht. Im Grunde hätte ich die Beiden wahrscheinlich gemocht, wenn sie mich auf meinem Platz im Flieger hätten sitzen lassen. Dann wäre mir das gesamte Hin- und Herspiel erspart geblieben, und vielleicht wären wir während der drei Stunden Flugzeit in ein nettes Gespräch vertieft gewesen. Egal. Ich würde die beiden sowieso nie wiedersehen, also warum mir jetzt noch Gedanken darüber machen, was hätte sein können. Das Kofferband gab Quietschgeräusche von sich. Flieger aus Köln, Hamburg, München und Wien waren gelandet. Daher die vielen Menschen! Aber es wurde bei keinem Band auf der Leuchttafel die Nummer der angekommenen Maschinen angezeigt. Nun hatte ich auch eine Erklärung dafür, dass die Leute umherschwirrten. Ich schritt an allen Bändern vorbei, zwei setzten sich in Bewegung, jedoch noch immer keine Anzeige. Gemeckere unter den Anwesenden.

„Was für eine Saftwirtschaft!“, schrie Otto. Komisch, dass ich immer auf die beiden stieß. Es war nicht so, dass ich sie verfolgte, oder hatten die beiden sich vorgenommen, mich nicht aus den Augen zu lassen? Mich fertigzumachen? Heribert, du hast eine blühende Fantasie. Sie kennen dich doch gar nicht, warum sollten sie? Stimmt, dafür gab es keine plausible Erklärung. Auf einmal ging ein Raunen durch die Menge, die sich wie ein aufgeschreckter Bienenschwarm, in Bewegung setzte. Ich ging ein paar Schritte zurück, außer Reichweite. ’Köln – Band 3’ leuchtete auf. Ich stellte mich an die äußerste Ecke, da sich genau vor dem Schlund, der das Gepäck ausspie, der Rest der Passagiere versammelt hatte, inklusive ihrer Wägelchen, die sie voraussichtlich mit ihrem Leben verteidigen wollten.

Ich beobachtete den Kampf ums Gepäck. Die Männer an der Front, die Frauen hatten sich mit den Kindern in den Hintergrund zurückgezogen, bereit, auf Zuruf der Männer sofort anzurücken. In der Zwischenzeit hatten andere eingesehen, dass es unmöglich war, direkt nach dem Auswurf das Gepäck zu erhaschen. Sie verteilten sich ums Band. Nun sah die Sache wieder anders aus. Der Mann auf der einen Seite, die Frau auf der anderen, die ihm sofort zurief: „Da, unser Koffer kommt!“ Dann lief die Frau neben dem guten Stück her, die Kinder an der Hand, bis alle, auch der Koffer den Mann erreicht hatten. Der zerrte das Ding runter, aufs Wägelchen. Als hätte sie ein Spiel gewonnen, fiel sich die Familie glücklich in die Arme. „Gib mir fünf!“, rief das Familienoberhaupt, und der Junge schlug mit der flachen Hand gegen die des Vaters. Dann zog die Mutter ihr Kind wieder zum Ausgangspunkt, schließlich hatten sie nicht nur einen Koffer dabei. Es kam vor, dass sie auf halber Strecke umdrehten, weil das gute Stück schon anrollte.

Und wer wird mich drücken? Aber Heribert, darauf kannst du getrost verzichten. Sich so zu benehmen, ist kindisch.

Des öfteren verfolgte ich diese Szenen. War das Gepäck erobert, ging es zügig durch die Schiebetür. Ich wartete. Von dem Damenklub aus Köln–Nippes hätte ich mich gerne verabschiedet. Ganz besonders Petra nochmals gesehen. Aber es war unmöglich, sie in einer solchen Menschenmenge ausfindig zu machen. Das Leuchtzeichen für den Flug aus Köln erlosch und Wien wurde angezeigt. Und wo war mein Gepäck? Geschwind verteilten sich die Österreicher ums Band. Ich harrte aus. Ich war nicht der einzige Passagier aus Köln, der seinen Koffer nicht in Empfang genommen hatte. Nach einer Stunde befanden sich nur noch wenige an Band 3. Ganz zum Schluss, endlich, da sichtete ich meinen Trolli. Ob ich ihn vorher bei all dem Gewimmel nur nicht erkannt hatte? Egal! Das nächste Mal würde ich ihn mit einem Aufkleber versehen. Das Rollband beförderte ihn auf mich zu. Ich hob ihn herunter und ging zum Ausgang. Die Schiebetür öffnete sich. Zwei Polizeibeamte musterten mich kritisch. Ich ließ mich nicht einschüchtern, grüßte sie freundlich. Die Halle war überfüllt. Massen standen vor den unzähligen Schaltern der Autovermietungen. Durch die Menge drängte ich mich zum Ausgang hindurch. Dort hatte sich das Personal der Veranstalter in einer Reihe aufgestellt. Sie hielten Schilder mit dem Anbieternamen hoch. Ich fing links an zu lesen. Auf der vorletzten Tafel fand ich meinen Veranstalter. Ich ging auf den jungen, sonnengebräunten Mann zu.

„Sind Sie Heribert Zopes?“, fragte er.

„Ja, woran haben Sie das erkannt?“

„Sie haben mir auf meiner Liste noch gefehlt. Herzlich willkommen auf Kreta. Ich bin Jo, ihr Reiseleiter. Bitte gehen Sie dort hinüber“, er zeigte auf einen Parkplatz. „Bus 23. Ich komme gleich nach.“

Bus an Bus reihte sich dort aneinander. Die Motoren liefen und heiße Luft stieg aus den Ventilatoren hoch. Hier spielte die Angst vor dem Klimawandel keine Rolle, Hauptsache die Temperatur im Wagen war angenehm kühl. Ich reichte den Koffer dem Busfahrer und stieg ein. Nach der stickigen Luft empfing mich nun eine Art Kühlschrank. Ein Schauer lief über meinen Rücken.

„Nee Alter, schon wieder du, auf den wir gewartet haben.“ Was für eine Freude, der Stänkerer saß mit im Bus. Ich versuchte ihn zu ignorieren.

„Nu mach endlich alter Sack, damit wir losfahren können!“, schrie er mir hinterher. Es reichte! In dem Moment, als ich ihm meine Meinung sagen wollte, hörte ich eine Frau rufen.

„Mensch, da ist der Heribert!“ Ich sah auf und direkt in die Augen von Sabine. Jubel in den Reihen der Damen.

„Na, haben die Tussis ihren Gockel wieder!“, vernahm ich hinter mir und drehte mich um.

„Es reicht!“

„Ach ja?“ Ironischer konnte man(n) nicht reden.

„Hören Sie endlich auf mit ihren ständigen blöden Bemerkungen, sonst ...“

„Was sonst, mh?“

„Gehen wir vor die Tür und klären ...“

„Mensch hören Sie doch auf!“, rief ein anderer Mann quer durch den Bus.

Ich sah dem Stänkerer direkt in die Augen, er wich mir kurz aus, und ich ging weiter. Diese Runde ging an mich!

Ich begab mich nach hinten. Außer dem Sitz in der letzten Reihe war kein Platz mehr frei. Sie werden es nicht glauben, zwischen Otto und Gerda! Ziemlich erfreut schienen die beiden nicht darüber zu sein, es stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Meine Hoffnung auf ein Nimmerwiedersehen war damit vorläufig hinüber. In dem Moment hätte ich unglücklich sein können, doch mir war klar, sie würden niemals in einem Singleclub Urlaub machen wollen, schließlich waren sie ein Paar. Innerlich jubilierte ich über meinen exzellenten Gedankengang. Wenigstens konnte ich mich mit Petra, Sabine, Lisa und Gundi aus der Reihe davor unterhalten. Lisa zwinkerte mir zu, als teilten wir ein Geheimnis. Jo stieg ein und ging zählend die Reihen ab. Dann nickte er dem Fahrer zu, die Türen wurden geschlossen. Schon setzte sich das Gefährt in Bewegung. Es krachte im Lautsprecher. „Meine Damen und Herren. Ich bin Jo, ihr Reiseleiter, und begrüße Sie nochmals aufs Herzlichste im Namen des Reiseveranstalters. Ich hoffe, Sie hatten einen angenehmen Flug. Die Landung wird wahrscheinlich ein wenig wacklig gewesen sein. Wir haben es heute mit Südwind zu tun, wie Sie mit Sicherheit schon bemerkt haben. Die Temperaturen belaufen sich auf sechsunddreißig Grad und werden in den nächsten Tagen voraussichtlich noch ansteigen. Der Südwind wird uns dabei erhalten bleiben. Wir haben eine Hitzewelle. Bitte versuchen Sie sich vorsichtig an dieses Klima zu gewöhnen, überanstrengen Sie sich nicht und trinken Sie reichlich Wasser. Wir werden drei Hotels anfahren. Die Fahrzeit bis zum letzten Hotel beträgt ungefähr zwei Stunden. Die Gäste vom Club Delphino lade ich für morgen früh um zehn zum Infotreff ein. Ich werde Sie übers Hotel, Land und Leute, sowie Ausflüge auf der Insel informieren. Unter anderem werden wir einen Rundgang durch die Anlage machen. Meine Sprechzeiten sind täglich von fünfzehn bis siebzehn Uhr und Sie finden mich dann im Bereich der Empfangshalle. Sollten Sie außerhalb der Stunden einen Wunsch haben, dann geben Sie bitte an der Rezeption eine Nachricht für mich ab, ich melde mich bei Ihnen, sobald ich im Hotel bin. Die Gäste der beiden anderen Hotels informieren sich bitte an der Rezeption oder am schwarzen Brett. Ein Kollege wird Ihnen dort zur Verfügung stehen. Und nun wünsche ich Ihnen eine angenehme Fahrt.“ Krack, der Lautsprecher war aus.


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