Excerpt for LiebesWellen by Elsa Rieger, available in its entirety at Smashwords

This page may contain adult content. If you are under age 18, or you arrived by accident, please do not read further.

Liebeswellen


Roman

von

Elsa Rieger


Copyright 2011 Elsa Rieger

Smashwords Edition


Cover: Elsa Rieger

Foto: Günther Moro


Smashwords Edition, License Notes



This ebook is licensed for your personal enjoyment only. This ebook may not be re-sold or given away to other people. If you would like to share this book with another person, please purchase an additional copy for each recipient. If you’re reading this book and did not purchase it, or it was not purchased for your use only, then please return to Smashwords.com and purchase your own copy. Thank you for respecting the hard work of this author.

Inhalt:

1. Verrückt

2. Vielleicht ein Freund?

3. Ablenkung mit Folgen

4. Buchhändler statt Lackaffe

5. Schemen und Nymphen

6. Suche dich

7. Nixenzauber

8. Eine Freundschaft und Rusalka

9. Durchgeknallt

10. Licht ins Dunkel

11. Familie Botazzi

12. Ätschbätsch!

13. Die Wunde

14. Freundschaften

15. Fieber

16. Aufbegehren

17. Sledgehammer

18. Ahmads Ankunft

19. Absence

20. Die Provokation

21. Die erste Sitzung

22. Rosa

23. Fabelwesen

24. Auf der Suche

25. Reise in die Vergangenheit

26. Villa Rosalia

27. Der Salon der Nixe

28. Bin auch nur ein Mensch

29. Böser Geck

30. Der Vorhang hebt sich

31. Machtspiel

32. Missgeschick

33. Wie war es wirklich?

34. Schmerz innen und außen

35. Ich bin Königin

36. Verhindert

37. Bring ihn um

38. Besuch

39. Die Anzeige

40. Unbeweglich

41. Die falsche Biografie

42. Alles Schmerz

43. Du schaffst es, Baby!

44. Das Kind in mir

45. Der irische Junge

46. Ein Wiedersehen

47. Distanzverlust

48. Zum Teufel mit dir!

49. Heimgekehrt

50. Das Ende vom Lied

Über die Autorin Elsa Rieger

1. Verrückt!


Was mache ich nur aus meinem Leben? Wie jeden Tag jogge ich zur San Giusto hinauf, lege mich hinter der Kirche ins Gras. Ich spüre mein Herz, schon stelle ich mir wieder die Frage, was ich aus meinem Leben machen soll. Jetzt bin ich seit drei Monaten in Triest.


„Dennis Myers“, keifte meine Mutter kurz davor in dem kleinkarierten Reihenhaus in Evanston am Michigansee, „so kann das nicht weitergehen.“ Immer wenn sie sauer ist, ruft sie mich mit Vor- und Nachnamen. Wahrscheinlich, weil sie betonen möchte, dass zur Hälfte mein Vater die Schuld an mir trägt. „Du gehst nach Europa, Dennis Myers. Das One-Way-Ticket habe ich schon gekauft. Vielleicht kannst du dort was aus deinem Leben machen.“

Und was macht das Leben aus mir?


„Hi!“

Ich reiße die Augen auf. Über meiner Brust baumeln blonde Strähnen. Die schönste Frau, die ich je gesehen habe, setzt sich neben mich, zupft einen Grashalm aus und kaut darauf herum.

„Ich bin Undine und du?“

„Dennis Myers.“ Ich stehe auf, sie bleibt im Gras sitzen.

Schnurglatt das Haar bis zur Taille, rote Shorts.

„Du läufst auch?“ Was für eine Hornochsenfrage!

Sie lacht mich an und wackelt mit den Joggingschuhen.

„Ab und zu. Rennen wir zusammen hinunter und frühstücken irgendwo?“

Das habe ich gehofft! Sie springt auf und sprintet voraus, ich muss mich anstrengen, sie einzuholen, bemühe mich Schritt zu halten unter der gleißenden Sonne. Ihr Gold hat sich verflüchtigt. Zwischen immer mehr Menschen, dem Gehupe und den Abgasen verfliegt der Zauber unseres Gleichschritts.


In der Cafeteria wird ein Tisch frei, ich bestelle Café und ein Dolce, Undine das Gleiche.

Sie schiebt den Arm über den Tisch und tippt mit dem Zeigefinger auf meine Brust. „Was treibst du in Triest?“

„Ich lebe hier!“

Kichernd sagt sie: „Du bist Ami!“

„Na und?“ Trotzdem fühle ich mich bemüßigt, ihr zu erklären, dass die Familie meiner Mutter aus Triest stamme und um 1900 nach Amerika ausgewandert sei.

Undine tunkt mein Cornetto in ihren Kaffee, das gefällt mir. Als wären wir ein Paar.

„Und du?“

Ihre türkisfarbenen Augen blitzen. „Ich wohne noch bei meinen Eltern.“ Sie springt auf, wischt die Krümel von den Shorts. „Ich muss jetzt ...“

„Schade.“ Rasch werfe ich das Geld auf die Theke und folge ihr. Sie ist schon fast um die nächste Ecke, ich rufe: „Vielleicht treffen wir uns ja wieder einmal oben bei San Giusto?“

Sie dreht sich um, kommt zurück. Streicht über meine Wange, flüstert: „Ciao.“


Ich schlage den Weg zu meiner Wohnung ein und spüre immer noch ihre Hand. Erst duschen und dann zur Uni, mich informieren. Ich muss endlich anfangen.

Während ich die Haustür aufschließe, berührt jemand meine Schulter. Instinktiv balle ich die Faust, fahre herum.

Undine! Sie lächelt. „Kaum warst du weg, hab ich dich schon vermisst.“ Ihre Augen glänzen. „Dennis, ich bin in einer schlimmen Lage, hilfst du mir?“ Sie blickt über die Schulter.

Ich ziehe sie in den Hausflur, frage, was los ist.

Sie zupft an meinem Shirt.

Ich nehme sie mit nach oben.

Kaum habe ich geöffnet, rennt sie durch die winzige Diele ins einzige Zimmer, wirft sich aufs Bett, das den größten Raum einnimmt. In ihren Wimpern schillern Tränen. Auf einmal kichert sie. Was ist nur los mit dieser Frau?

Ich gehe ums Bett herum zum Fenster, möchte den Verfolger sehen, aber da ist keiner. Ich sage es ihr.

„Hatte so ein komisches Gefühl, aber jetzt ist alles okay.“

So was! „Also wenn jetzt nichts weiter anliegt, gehe ich unter die Dusche.“


Sie schläft, als ich zurückkomme. Ich schleiche zum Schreibtisch am Fußende des Bettes, setze mich auf meinen Stuhl. An den Schläfen ist Undines Haut fast durchsichtig. Ihr Haar ist weißblond. Seufzend dreht sie sich zur Seite. Unter dem Rand der Shorts sehe ich die Rundung einer Pobacke.

Seit Wochen hatte ich keinen Sex. Ich zünde mir eine Zigarette an, starre durch den Rauch auf die Gasse hinunter. Gegenüber deckt der Kellner die Tische unter der Laube. Bald Mittag.

2. Vielleicht ein Freund?


Dennis überlegt jetzt wohl, ob er sich zu mir legen soll.

Ich würde ihn nicht zurückweisen, er hat eindeutig Hemmungen. Wie süß. Seine Haut ist fast dunkel. Die Löckchen an den Schläfen, ich mag brünett, und erst die Stupsnase.

„Ich sehe, dass du wach bist“, sagt er grinsend.

„Hi ...“

„Sagst du mir jetzt, wer dich verfolgt?“

Zum Glück steht auf dem Nachttisch ein Wecker. Ich stürze aus dem Bett. „Ich muss nach Hause, wir essen gleich. Papa legt großen Wert auf Pünktlichkeit.“

Dennis hält meinen Arm fest. „Was war das vorhin?“

„Ich weiß nicht, plötzlich bekam ich schreckliche Angst. Ich muss nun wirklich.“

„Sehen wir uns wieder?“

Ich zwinkere ihm zu und hoffe, dass es verrucht wirkt, dann schließe ich die Tür.

„Leg dich bloß nicht fest bei den Männern!“, hat Carla mir geraten und sie kennt sich aus. Oft sehe ich sie vor mir, nackt auf der rosa Bettdecke, noch Kind, wie ich.

Ein Mann streichelt sie, Carla kichert, als er sich zwischen ihre Beine beugt.


*


Ich lege mich auf die Stelle, wo Undine gelegen hat, spüre ihrem Geruch nach. Ich hätte ihr wenigstens meine Telefonnummer geben sollen!

Am Nachmittag rapple ich mich auf, gehe raus, kaufe ein Vorlesungsverzeichnis und setze mich ins Tommaseo.

Umgeben von alten Männern, die Karten spielen oder Zeitung lesen, blättere ich im Verzeichnis. Auf jeder Seite sehe ich Undines Gesicht. Ich klappe es zu. Offensichtlich bin ich mit vierundzwanzig immer noch nicht in der Lage, was aus mir zu machen! Die Fragen meiner Eltern werden von Woche zu Woche eindringlicher. Ich bestelle Campari.

Die Redaktionen, in denen ich vorgesprochen habe, melden sich nicht. Auch das Konservatorium will keinen Gitarre-Lehrer ohne Abschluss.

Ich bezahle und schlendere zum Hafen hinunter.

Es stinkt nach Rohöl. Am Ende der Mole liegt ein Schiff mit einer gelben Taucherkugel vor Anker. Die Männer tragen bunte Tücher um die Köpfe und sehen wie Seeräuber aus mit ihren nackten Oberkörpern. Der Sprache nach sind es Engländer. Sie verlassen das Schiff, kommen an mir vorbei.

Hi“, sagt einer freundlich. Sie steuern auf die Hafenkneipe zu, ich schließe mich an. Bei Bier und Ciabatta mit Prosciutto frage ich: „Englische Piraten?“

Einer zieht das Tuch vom Kopf und schüttelt das Haar. „Meeresbiologen. Wir erforschen die Killeralgen.“

Die meisten sind Studenten, sagt er, und dass sie während des Sommers an den Küsten entlang kreuzen und Wasserproben untersuchen. Sie scherzen mit ihrem Professor, den sie Flesh Gordon nennen, ich spreche ihn an: „Kann ich mal mitfahren?“

Flesh meint: „Löhnen können wir allerdings nichts. Essen ist drin. Morgen um sechs geht es los.“


Endlich Abwechslung. Ich stecke eine Zigarette an, setze mich auf dem Heimweg in einen Cafégarten und bestelle Espresso. Die chronische Ratlosigkeit macht mich fertig. Ich lese in der New York Times, die für die Touristen ausliegt. Zu Hause erwartet mich Undine, sie hockt auf den Stufen.

„Wo warst du so lange?“ Sie ist verärgert.

„Sind wir verlobt?“ Ich lache die Verlegenheit weg.

Sie springt auf, schlingt die Arme um meinen Nacken. „Ach, weißt du, ich habe das Gefühl, ich kenne dich schon ewig.“ Sie drückt mir einen Kuss auf die Wange.

Behutsam schiebe ich sie weg. „Und nun?“

Sie zuckt die Schultern.

„Möchtest du etwas trinken gehen?“

„Heißt das, du willst mich nicht mit raufnehmen?“

„Hey, was soll das denn!“

Ihre Lippen zittern, bestimmt heult sie gleich. Meine Vermieterin streckt den Kopf aus dem Fenster.

„Komm.“

Undine springt die Stufen nach oben, summt Sledge Hammer. Peter Gabriel, einer meiner Lieblingsmusiker! Der Song passt.


Ich lege die CD ein. Undine tanzt, ich beobachte sie vom Schreibtisch aus. Sie hat die Augen geschlossen und sieht schrecklich traurig aus.

„I want to be your sledgehammer ...“

Ich habe Lust auf sie, zugleich Angst vor ihr. Lustangst. Ich mache die Zigarette aus und hole eine Coke. Undine nimmt mir die Flasche ab, trinkt.

Wieso kennst du Peter Gabriel? Hätte nicht gedacht, dass du Musik aus den Achtzigern hörst.“

„Mein erster Freund war Drummer in der Schulband. Er hat am liebsten Gabriel gespielt.“

„Und ist er Musiker geworden?“

Ich habe Ian aus den Augen verloren.“ Undine stellt die Flasche weg, legt den Kopf schief und lächelt mich an. „Schlaf mit mir!“

Ich verschlucke mich, huste, flüchte ans Fenster.

Feigling!“ Sie setzt mir nach, schlägt mir ins Gesicht und geht.

Ich bin richtig wütend, was fällt der blöden Kuh ein? Meine Wange glüht, Fernsehen hilft nichts. Ich spiele noch einmal die CD, sehe sie tanzen. Sie hat Recht. Ich bin ein Feigling. Auf der ganzen Linie.


Ein Traum plagt mich in dieser Nacht. Ich fahre auf der Autobahn, am Pannenstreifen rennt eine Frau mit langem, blondem Haar. Sie sieht sich mit schreckgeweiteten Augen ständig um. Ich beschleunige, um ihr zu helfen, da rast ein Truck donnernd an mir vorbei, so knapp, dass ich das Lenkrad verreiße.

Als ich den Wagen wieder unter Kontrolle habe, ist die Frau verschwunden. Weit vor mir die Rücklichter des Trucks.

Um fünf Uhr morgens bin ich hellwach.

3. Ablenkung mit Folgen


Das Schiff legt ab.

Ein Rothaariger stellt sich als Ian vor. „Schiffsjungen schrubben das Deck und schälen Kartoffeln.“ Er drückt mir Eimer und Wischer in die Hand. Flesh hält mich zurück, das Putzwasser schwappt über. „Lass dich nicht drankriegen. Außer Ian sind noch andere Komiker an Bord. Genieße einfach die Fahrt, okay?“ Der feixenden Crew zeigt er den Finger. Dann kehrt er zur Seekarte zurück, um die Tagesroute einzuzeichnen.

Auf Deck befindet sich ein Labor.

„Was genau macht ihr?“, frage ich Ian, der mit mir über das Schiff schlendert.

„Wir messen den Schadstoff- und Nährstoffgehalt des Wassers, überprüfen die Erhöhung von Phosphor- und Stickstoffverbindungen. Dabei kannst du mir helfen.“


Ian füllt Reagenzgläser mit Meerwasser aus einem Eimer, notiert Datum, Uhrzeit und den genauen Standort auf Etiketten. Dann reicht er mir die Reagenzgläser, ich klebe die Etiketten darauf.

„Bist du Ire?“

„Weil ich rothaarig bin? Ja, zur Hälfte, zur anderen Italienisch. Meine Mutter war Gälin.“

„Und du lebst in Triest?“

Schon lange nicht mehr. Vater ist Diplomat. Zuletzt lebten wir in Prag. Meine Kindheit habe ich in Triest verbracht. Und du?“

„Warum hast du mich eigentlich verarscht?“ Ich bin immer noch gekränkt.

„Ach komm! Ist normal, wenn ein Neuer an Bord kommt“, er lacht versöhnlich, streckt mir die Hand entgegen. Ich schlage ein.

„Freunde?“, sagt er und ich nicke.

„Woher kommst du, Dennis?“

„Aus der Nähe von Chicago.“

„Siehst Italienisch aus.“

„Die Familie meiner Mutter stammt von hier.“

Ian meint: „Triest in ein Dorf. Ich studiere in London.“ „Gegen Evanston, wo ich herkomme, ist Triest eine Metropole.“

„Und was hast du in Amerika getrieben?“

„Ich habe eine Grunge-Band gegründet. Meine Mutter war ziemlich sauer. Sie wünscht sich, dass ich Arzt werde. In Triest studieren viele Nachzügler aus dem Ausland. Aber ich weiß nicht, welches Fach.“

„Ich wusste immer, dass Meeresbiologie mein Beruf ist. Übrigens gründete ich auch eine Band während der Schulzeit. Rhythm and Blues. Das Studium lässt mir keine Zeit mehr dafür. Und du?“

Mutter antwortete in meinem Namen auf eine Stellenausschreibung des Chicagoer Sinfonieorchesters. Die Absage war an mich adressiert. Dann wollte Dad unbedingt, dass ich in seinen Autohandel einsteige. Jetzt bin ich hier gelandet.“

Ians Kollege brachte zwei volle Eimer. Wir arbeiten schweigend weiter, dann springt Ian auf. „Ich brauche eine Pause.“

Ich rauche an der Reling und sehe aufs Meer. Möwen fliegen hoch über uns, stürzen kreischend herab.

Fleshs Frau ruft zum Essen.

„Mal sehen, was sie heute zusammengemanscht hat“, sagt einer.

Joan streckt die Zunge heraus. Wenn sie nicht mit Kochen beschäftigt ist, sitzt sie unter dem Sonnensegel und schreibt Fantasygeschichten für Kinder.

Die Crew isst in zwei Schichten. Es gibt Kartoffelpüree und Fisch.

„Und was macht ihr mit den Ergebnissen?“, frage ich Flesh, der neben mir sitzt.

Er lässt die Gabel sinken. „In den Achtzigern wurde die Caulerpa taxifolia, wie die Killeralge heißt, eingeschleppt. Vermutlich von der Westküste Australiens. Sie bringt das Ökosystem des Mittelmeers aus dem Gleichgewicht. – Joan? Kann ich noch etwas Kartoffelbrei haben, es schmeckt genial!“

Sie klatscht, obwohl ich protestiere, mir ebenfalls eine zweite Portion auf den Teller.

„Die Blüten absorbieren das Sonnenlicht und die Pflanzen in der Tiefe sterben ab.“

Ich warte, bis er den Mund voll Brei hat.

„Langsam. Ich kann das nicht alles auf einmal verdauen.“

„Was?“, prustet ein Student los, „Joans Futter oder die Ansprache vom Prof?“

„Dadurch sterben auch die Fischarten aus, die sich von den Pflanzen ernähren. Man nennt das Gewässerbiozönose“, sagt Flesh.

„Hey, jetzt reicht’s aber. Dennis ist schon grün um die Nase“, ruft Joan dazwischen, „er kann gar nicht mehr essen, der arme Junge.“ Sie blickt missbilligend auf meinen halbvollen Teller, ich reibe mir demonstrativ den Magen. „Danke, ich bin wirklich satt.“

„Vielleicht finden wir eine Möglichkeit, die Küsten zu retten.“ Flesh trinkt sein Glas Milch aus und steht auf.


Gegen sechs laufen wir in den Hafen ein. Ich wünsche alles Gute. Am nächsten Morgen fahren sie zur kroatischen Küste und werden nicht so bald wieder kommen. Flesh verspricht, sich zu melden. „Du darfst auf keinen Fall unser Abschiedsfest an Bord versäumen, vor unserer Rückreise nach London“, sagt er.

Die Männer führen ein ausgefülltes Leben, scheinen zu wissen, was sie tun und das mit Begeisterung. Ich bin richtig neidisch, denn ich habe mein Schiff verpasst.

4. Buchhändler statt Lackaffe


Ich starre in die Auslage eines Antiquariats. Ein großes, aufgeschlagenes Märchenbuch. Auf einem Felsen sitzt eine Nixe. Sie hat langes blondes Haar und sieht mich mit türkisfarbenen Augen an. In der Scheibe spiegelt sich mein Gesicht.

Teilzeitstelle zu vergeben, steht auf dem Schild neben dem Buch.

Eine Schelle klingelt, die Tür springt auf.

Es ist düster. An der Decke Kugelleuchten. Ein alter Mann mit Lupenbrille sitzt an einem antiken Schreibtisch. Er schaut von seinem Buch auf.

„Per favore?“

„Buon giorno.“ Ich versuche ein Lächeln und trete näher.

„Ah, ein Tourist!“ Der Buchhändler nickt.

Das gibt es doch nicht! Mein Italienisch ist perfekt. „Ist der Job noch zu haben?“

„Kennen Sie sich mit antiquarischen Büchern aus? Es ist eine staubige und mühselige Arbeit.“ Der Mann niest, zieht ein Taschentuch hervor und schnäuzt sich ausgiebig. Dann steht er auf. Ich bin ein Meter neunzig, er überragt mich. Hager und knochig. Zwei Falten ziehen sich von den Nasenflügeln zu den Mundwinkeln. Wieder gleitet sein Blick über mich, er scheint nicht überzeugt zu sein.

„Alte Bücher üben große Faszination auf mich aus.“

Er streckt mir die Hand entgegen, kühl und trocken fühlt sie sich an. „Frederico Masteggio, sagen Sie Fredo zu mir.

Ich habe das Richtige gesagt! „Dennis Myers.“

Wir trinken einen Grappa auf den morgigen Probetag.


Ich laufe durch die Stadt, erhitzt vor Aufregung. Ein Job! Endlich verdiene ich etwas! Vielleicht muss ich doch nicht als Lackaffe Gebrauchtwagen verkaufen. Zur Feier gönne ich mir Spaghetti vongole in der Trattoria. Unter der Laube hat sich die Hitze des Tages gestaut. Plötzlich kann ich es wieder genießen, dazusitzen und nichts zu tun, zu warten.

Als ich zu meinem Appartement hinüberschaue, fällt mir Undine ein, gestern kauerte sie auf den Stufen. Sie kennt mich ein paar Stunden und will mit mir ins Bett. Danach sieht sie gar nicht aus.

„Il conto, per favore!”


Fredo Masteggio führt mich in die Geheimnisse seiner Bücherkisten ein. „Gehen Sie äußerst behutsam vor, Dennis.“

Als ich damit beginnen will, die Bücher von der Patina zu befreien, schreit er auf. „Bloß nicht! Wollen Sie, dass sich meine Schätze in ihre Bestandteile auflösen? Von darauf herum reiben habe ich nichts gesagt. Sie sollen sie nach Gebieten und Autoren ordnen.“

„Warum? Kein Wunder, dass Sie so grau sind.“

Fredo lacht nicht, stakst zur Anrichte und schenkt Grappa ein.

„Auf den Schrecken brauchen wir einen. Prost!“ Fredo trinkt sein Glas schwungvoll aus. „Sehen Sie, der Papierstaub konserviert, hält das Buch trocken und die Motten fern. Also bleibt er drauf.“

„Sie verkaufen verschmutzte Bücher?“

Er blickt mich kühl an und zieht eines aus dem Regal. „Ich zeige Ihnen, wie das funktioniert.“ Sanft klopft er darauf. Ein Wölkchen erhebt sich. „So macht man das. Ecco!“ Fredo streicht über den Einband.

„Darf ich?“

„Passen Sie schön auf, Dennis.“

Ich lese: „Des Meeres ...“

Fredo kichert. „...und der Liebe Wellen. Es ist deutsch. Franz Grillparzer. Kennen Sie das Stück?“

Um ihm zu gefallen, nicke ich. Dann aber sage ich: „Nein.“

„Der du die Liebe gibst, nimm all die meine. Dich grüßend nehm’ ich Abschied auch von dir“, deklamiert er und übersetzt. „Es ist die tragische Geschichte von Hero und Leander. – Stellen Sie es zurück.“ Fredo geht zum Schreibtisch und trinkt noch einen Grappa. „Leander liebte Hero, eine Aphroditepriesterin. Er durchschwamm jede Nacht den Hellespont, um sich mit ihr zu treffen. Aber einmal erlosch die Lampe im Sturm, die als Wegweiser diente. Leander fand den Weg zum Ufer nicht und ertrank. Als der Leichnam angeschwemmt wurde und Hero ihn fand, stürzte sie sich von den Klippen.“

„Wie romantisch.“

„Ja, für euch Junge ist das zu abgehoben, nicht wahr? Was hat Sie nach Triest verschlagen?“

Ich setze mich zu ihm. „Ich habe bei einem Fernsehsender gearbeitet. Zuerst war ich von denen begeistert, sie wirkten sozial und liberal. Ich arrangierte Interviews mit Leuten, die mit versteckter Kamera gefilmt wurden. So kam es oft vor, dass ich den Redakteur vor wutentbrannten Gesprächpartnern retten musste.

Eines Tages krachte ich mit dem Arbeitgeber jedoch zusammen; er bedrängte eine junge Frau, die von ihrem Stiefvater jahrelang missbraucht wurde und sogar ein Kind von ihm bekommen hatte. Sie war in Tränen aufgelöst, aber er ließ nicht ab von ihr. Ich schmiss den Job, bevor man mich feuerte.

Danach gab ich Gitarreunterricht. Im Autohandel meines Vaters wollte ich auf keinen Fall arbeiten. Und letztes Jahr wurde ich vierundzwanzig. Meine Mutter setzte Dad gegenüber durch, dass ich für sechs Monate nach Europa gehe. Wenn ich danach nichts in Aussicht habe, muss ich in die Firma einsteigen.“

„Und nun sind Sie bei mir gelandet.“

„Seit drei Monaten lebe ich hier, und bin keinen Schritt weitergekommen. Trotzdem fühle ich mich in Triest mehr zu Hause.“

„Wovon leben Sie, wenn ich fragen darf?“

„Ein monatlicher Scheck hält mich gerade mal so über Wasser.“

Ich soll einen Nachlass sortieren, der mehr als tausend Bücher umfasst und Karteikarten anlegen. Fredo traut Computern nicht, er will, dass ich die Karten auf einer alten Underwood Schreibmaschine tippe.

Mein Probetag ist wunderbar verlaufen, Fredo lächelt sogar. Wir vereinbaren, dass ich vorerst jeden zweiten Tag arbeiten soll.


Ich strecke mich auf dem Bett aus. Kann mich gar nicht beruhigen vor Freude.

5. Schemen und Nymphen


Explosionen hallen aus der Talsohle bis zum Berggipfel herauf, von dem aus ich hinunter schaue. Das Zucken meiner Beine weckt mich, schlaftrunken höre ich Stakkatoklopfen an meiner Tür, die die Detonationen aus meinem Traum ablösen. Es ist schon dunkel. Ich rapple mich auf, stolpere über den Türstaffel zum Vorzimmer. „Mist!“ Dann ertaste ich den Lichtschalter und öffne benommen.

„Hi, Dennis.“ Undine drängt sich an mir vorbei ins Zimmer, lässt sich aufs Bett fallen.

Sie ist ein Bumerang. Heute in einem Minikleid aus glitzerndem Aquamarin. Es passt zu ihren Augen. Ob sie mich wieder auffordern wird, mit ihr zu schlafen? Ich sage auf jeden Fall nein, wenn sie davon anfängt; es verstößt gegen mein Prinzip, ich kenne sie schließlich kaum. „Ich mach mich frisch.“ Schnell gehe ich ins Bad, wasche das Gesicht mit kaltem Wasser.

„Wie war dein Tag?“, ruft sie mir nach.

„Gut gelaufen. Mein Chef ist nett.“

Sie lächelt, als ich ins Zimmer komme. Ich zünde mir eine Zigarette an.

„Gib mir auch eine.“ Sie streckt die Hand aus. Als ich mich über sie beuge, um ihr Feuer zu geben, zerzaust sie mir das Haar.

„Hast du noch etwas vor?“ Sie ist geschminkt und dann das elegante Kleid.

„Ja. Mit dir.“

Ich setze mich neben sie. „Das wird nichts.“

„Es gibt eine Party und ich nehme dich mit.“ Sie atmet den Rauch ein und aus, ohne zu inhalieren, dämpft die Zigarette dann im Aschenbecher auf meinem Nachtkästchen ab. „Bitte.“

Ich habe keine Lust auf laute Musik, fremde Menschen, bin hungrig und müde. Versuche mich herauszureden: „Musst du heute nicht pünktlich zum Essen zu Hause sein?“

Sie setzt sich auf. „War schon.“ Undines Mund lacht. Aber ihre Finger verknoten sich verzweifelt. Ich möchte sie in die Arme nehmen, doch in dem Moment steht sie auf, sieht mich eindringlich an. „Bitte, komm mit!“

Ihr Blick könnte Steine schmelzen, ich ziehe mich um.


Carla wohnt am Stadtrand auf dem Anwesen ihrer Familie, das von einer hohen Mauer mit Zinnen umgeben ist. Schon auf dem Parkplatz, der ein paar Hundert Meter vom Haus entfernt liegt, sind Technoklänge im Wechsel mit Robbie Williams zu vernehmen.

„Carla kenne ich seit dem Kindergarten, stell dir vor.“

„Wie alt bist du eigentlich?“ Mir fällt auf, ich weiß nichts über sie, außer dass sie joggt, mit mir ins Bett will und pünktlich zum Essen zu Hause sein muss.

„Zweiundzwanzig, und du?“

Wir haben den Vorplatz der Villa erreicht, weißer Kies, gesäumt von einem Rosenspalier. Leute mit Sektgläsern stehen herum, Undine hängt sich bei mir ein.

„Vierundzwanzig.“

„Rein alterstechnisch sind wir geschaffen füreinander.“ Sie hüpft übermütig, winkt einigen zu, die mit einem Lächeln antworten.

Zur Eingangstür führt eine geschwungene Treppe empor, auf den Stufen sitzen Gäste, wir drängen uns durchs Foyer in einen Saal, in dem riesige Boxen dröhnen. Der Raum erinnert mich an den Film ‚Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss’. Gänzlich leer, an den Wänden stehen Stühle aufgereiht und auf dem Parkettboden tanzen jede Menge Menschen. Ein Discjockey steht mit seiner Anlage zwischen den Boxen, er zuckt spastisch und grinst von einem Ohr zum andern.

Undine, die bis jetzt bei mir eingehängt geblieben ist, reißt sich los. „Da ist Carla!“ Sie geht auf eine Frau auf der Tanzfläche zu, die in ein schwarzes Kleid gezwängt ist. Ihr Busen quillt aus dem Ausschnitt. Bis zum Ende ihrer Schenkel klafft das Kleid auf, ich kann ihre Strapse sehen. Ganz schön lasziv, die Dame, deren Schulter jetzt Undine berührt. Carla dreht sich um zu ihr, umarmt sie und küsst sie mitten auf den Mund. Plötzlich ekelt mich.

„Carla, das ist Dennis Myers, mein Verlobter.“

Ich lächle beflissen und versinke im Boden. Was denkt sie sich nur? Am liebsten würde ich abhauen.

Carla klatscht sich mit der Hand aufs Dekollete. „Cara mia!” Dann mustert sie mich von unten nach oben. „Ich glaube dir kein Wort. Amüsiert euch trotzdem.“ Mit geraffter Schleppe stöckelt sie davon.

„Cara mia“, äfft Undine sie nach. „Komm, du hast Hunger!“

Sie nimmt mich an der Hand. Wir betreten den Nebenraum. Ich staune. Carla hat eindeutig ein Faible für Dekoration. Es sieht hier wie in einem Rittersaal aus. Raue Bänke um plumpe Holztische, an den Wänden lodern Fackeln. Gekreuzte Schwerter und Lanzen, sogar der ausgestopfte Kopf einer Kuh. Das Ambiente amüsiert mich.

„Worüber lachst du?“

Wir sind zur Tafel am Ende des Raums vorgedrungen. Sie ist bestimmt vier Meter lang und beladen mit Hummerschwänzen, goldbraunen Brathähnchen, Wild in verschiedenen Variationen. Für die Farbe sorgen Ananas, Kiwis, Mangos und Beeren in allen möglichen Sorten, die zwischen den Fleischplatten platziert sind.

Undine sieht mich abwartend an. „Sag!“

„Carla scheint eine etwas skurrile Persönlichkeit zu sein“, antworte ich immer noch grinsend, schnappe mir einen Teller und suche etwas zu essen aus.

„Eine starke Persönlichkeit ist sie“, sagt Undine und nimmt ein paar Scampi mit Salat. Wir finden eine freie Bank und setzen uns.

„Seit wann sind wir verlobt?“

Undine spielt mit der Gabel in den Meeresfrüchten herum. „Ich wollte Carla eins auswischen, außerdem werden wir das bestimmt bald sein.“ Seufzend greift sie nach meiner Hand.

Ich ziehe sie weg und nehme das Messer, schneide ein Stück von dem dunklen Fleisch ab. Es schmeckt weich und saftig, ich schlucke. Dann wage ich es. „Du bist mir immer noch eine Antwort schuldig. Wer hat dich verfolgt, als du mir vorgestern nachgelaufen bist?“

Undine schiebt sich ein Stück Scampi in den Mund. Sie kaut lange darauf herum. Warum muss sie nachdenken?

„Ach“, sie sieht mich mit großen Augen an, „es war überhaupt nichts. Nur ein Trick, um dich besser kennen zu lernen.“

Mir wird glühend heiß. Das Besteck klirrt, als ich es fallen lasse. „Eine Art psychologisches Experiment? Oder Test an einer Laborratte?“ Ich zerbreche mir seit Tagen den Kopf über die Notlage Undines und dann so etwas.

„Du liebst mich nicht.“ Sie sagt es tonlos.

„Was?“

„Egal.“ Ruckartig springt sie auf und bewegt sich fort wie eine Marionette.

Ich gehe in den Park, brauche frische Luft. Bin ich ihr Hampelmann?

Nymphen und Faune säumen die Kieswege, zwischen den Beeten sprudeln kleine Springbrunnen in Gefäßen aus Stein. Irgendwoher schrilles Lachen, die Musik wummert pausenlos, ich habe keine Lust, mir so eine Frau anzutun und verschwinde.

6. Suche dich


„Undine! Was ist mit dir?“ Carla reißt die Augen auf. Ich renne sie beinahe um, als ich die Treppe abwärts stürme nach draußen. Im ganzen Haus konnte ich Dennis nicht finden. Ich verstehe es nicht, alles dreht sich, ich setze mich auf den Sockel einer Statue. Es ist eine Nymphe, ich starre in ihr Antlitz. Unbewegt ist ihre Miene. Wie das Herz von Dennis. Er kann mich doch nicht einfach so allein lassen, nur weil ich ehrlich war. Wie hätte ich ohne den Trick, dass mir ein Verfolger auf den Fersen sei, erklärt, was ich vor seinem Haus mache? Nach einer knappen Stunde des Kennens. Aber als ich ihm beim Joggen begegnete, spürte ich sofort, dass er meine Zukunft ist. Und nun ist er bestimmt schrecklich sauer. Wer weiß, ob er jemals wieder mit mir spricht? Ich hätte ihn vorhin nicht so demütigen dürfen. Ein Trick! Wie konnte ich nur?

Das Gesicht der Nymphe verschwimmt vor meinen Augen. Mein Kopf! Wieder diese Blitzbilder, ich reiße an einer Haarsträhne, damit es aufhört. Dennoch drängen sich die Bilder hoch, die mir solche Angst machen und schon blickt das kleine Mädchen durch das Fenster eines bunt bemalten Wohnwagens. Im Bett sitzt eine nackte Frau auf einem Mann. Sie flüstert: „Casanova, mein Liebster.“

Das Kind tritt gegen den Wagen, schreit: „Rosa!“ und rennt davon.


Ich finde mich inmitten der Gäste vor dem Haus wieder, steige die Treppe zum Eingang hinauf. Plötzlich steht Carla vor mir. „Aber Undinchen.“

Meine Knie zittern wie Pudding, ich lasse mich auf eine Stufe sinken. Sie tätschelt meinen Kopf, als wäre ich ein Hündchen. „Na, wieder mal einen Lover in den Sand gesetzt?“ Ich spüre, dass Carla abwartet, ehe sie die nächste Gemeinheit von sich gibt. „Ob du es je lernen wirst, Kleine?“ Ihre Stimme klingt süß und teilnahmsvoll – die Worte schneiden wie Rasierklingen. Neben Carla fühle ich mich immer noch plump und dumm. Das bin ich nicht! Ich springe auf. Der Absatz knickt weg, ich ziehe die Pumps aus, schleudere sie von mir. Sie landen auf dem Kies.

„Hast du einen psychotischen Schub?“

„Lass mich!“, brülle ich und renne wieder in den Park.

Vielleicht hat er sich versteckt? „Dennis!“ Hinter jeden Busch schaue ich, kreuz und quer gehe ich alle Wege ab, rufe seinen Namen. Ein messerscharfer Schmerz durchfährt meinen linken Fuß. Ich hocke mich unter die nächste Laterne auf den Weg. Ein Glassplitter ragt aus der Ferse. Ich ziehe ihn heraus und humple zum Wagen. Dort finde ich ein Papiertaschentuch im Handschuhfach und presse es auf den Schnitt. Es saugt sich voll mit Blut. Ein dicker Tropfen, der zu Spinnenbeinen verläuft. Es blutet weiter. Ich taste nach dem Verbandskasten unter dem Sitz, klebe ein Pflaster drauf und fahre los.

Oh, Dennis ... ich hab dich so lieb ... ich hab es nicht in den Sand gesetzt, Carla ist unmöglich!

Ich halte vor seinem Haus, doch das Fenster ist dunkel und ich fange an zu heulen.

Aber Morgen. Morgen werde ich alles in Ordnung bringen. Ich muss schlafen. Der Motor meines Autos ist das einzige Geräusch in der kleinen Gasse. Ich trockne die Augen mit dem Spinnentaschentuch und fahre los.


Kaum habe ich aufgeschlossen, steht Papa vor mir. Er hat Ohren wie ein Luchs. „Spät geworden, Prinzessin“, sagt er und blickt demonstrativ auf seine Armbanduhr.

Er umschlingt mich wie ein Riesenkrake.

„Papa, du erdrückst mich!“

Seine Arme lösen sich von meinem Körper und er schaut mich traurig an. „Muss ich mir Sorgen machen?“

Meine Wangen werden heiß, rasch wende ich mich ab. „Schlaf gut, Papa“, sage ich und flüchte in mein Zimmer. Diese Familie kann ich Dennis unmöglich zumuten, falls doch etwas wird aus uns, falls er mir verzeiht.

Kaum liege ich im Bett, beginnt es in meinem Kopf wieder zu zucken ... das kleine Mädchen rennt durch den Regen. „Rosa“, sagt sie und weint. Wer ist Rosa? Ich schlage mit der Faust gegen meinen Kopf, ab und zu hilft es, dann verschwinden die Bilder.

7. Nixenzauber


Ich sehe Undine am Portal der Chiesa stehen, als ich den Hügel überwunden habe. Vornüber gebeugt, die Hände auf die Knie gestützt, nach Luft ringend.

„Hi, Dennis.“

Nach der Aussage auf der Party traut sie sich das? Erst verlobt, dann über den Tisch gezogen: War nur ein Trick, um dich kennenzulernen, die Verfolgung.

„Hi.“ Ich lächle dich sicher nicht an. Mit unbewegter Miene stelze ich an ihr vorbei bis zum Wiesenrand, aber das Blut summt in meinen Adern; ich begehre sie, verdammt, ich begehre sie.

Sie richtet sich auf, dreht eine Haarsträhne um ihren Finger und kommt langsam auf mich zu. Während ich sie finster anstarre, wickelt sie die Locke ab und legt die Arme um meinen Nacken. Sie flüstert meinem Herzen zu: „Ich liebe dich.“

Ihr Haar duftet nach Rosen. Undine hebt den Kopf, ihr Lächeln wirft mich um. Schon verflogen, meine Zweifel. Ich packe sie und trage sie über die Wiese. Wir küssen uns, dann zwickt sie mich in die Seite, versucht zu entkommen. Ich erwische sie am Bein, sie fällt neben mich und ich ziehe ihr den Schuh aus, kitzle die Fußsohle. Undine quietscht vor Lachen.

„Was ist das für ein Pflaster an deiner Ferse?“

„Ich habe in Carlas Park getanzt, nachdem du verschwunden bist.“

„Mit wem“, schießt mir ungewollt heraus.

„Nymphen und Faune.“ Undine zieht meinen Kopf zu sich und wieder finden sich unsere Lippen.

„Du stinkst, Dennis!“ Sie streckt mir die Zunge heraus.

Ich springe auf, reiche ihr die Hand. „Dann gehen wir duschen.“


Als ich aus dem Bad komme, hockt Undine im Schneidersitz auf der Matratze. „Vielleicht liebst du mich, ohne es zu wissen?“

Ich zögere, ihr Gesicht verschattet sich. „Kann sein“, sage ich schnell.

Ihr Blick flattert durch den Raum, entdeckt meine Gitarre. „Du spielst?“

Ich schlage Sledgehammer an. Undine klatscht, singt mit mir.

Danach Solsburry Hill. Beim Refrain My heart’s going boom boom boom, stehen Tränen in ihren Augen. Ich verstumme, lasse sie allein weiter singen. Mir wird warm und ein Glücksgefühl breitet sich aus. Welche Kraft, was für ein Ausdruck in ihrer Stimme! Nach dem Song legt sich Undine seufzend zurück.

„Du bist unglaublich! Ein Naturtalent.“ Ich stelle die Gitarre weg, beuge mich über sie.

Sie schaut unverwandt in meine Augen und ich erinnere mich an ihre Aufforderung. Jetzt will ich mit ihr schlafen. Ich gehe zum Fenster und schließe die Läden. Die Scharniere quietschen. Als ich mich umdrehe, steht Undine, sogar jetzt, im dämmrigen Licht funkeln ihre türkisfarbenen Augen. „Fahren wir zum Schwimmen?“

Verärgert latsche ich an ihr vorbei und suche ich meine Badesachen zusammen.


Undines Auto steht vor ihrem Elternhaus. Sie drängt mich in eine Seitengasse. „Ich hole dich hier ab, rühr dich nicht von der Stelle!“

Ich sehe Angst und Nervosität. „Was ist denn los?“

Sie winkt ab und läuft los. So viel Geheimnistuerei, ich bin doch kein Krimineller. Sie betritt das Haus. Nach einer Weile kommt sie mit einer Badetasche wieder, steigt in den Fiat und fährt los. Ein paar Minuten später ruft sie mich vom anderen Ende der Gasse.

„Was soll die Geheimnistuerei?“ Ich steige ins Auto, schmeiße frustriert die Tür zu.

„Verdirb uns nicht den Tag, Dennis.“

Du wirst meine Fragen schon noch beantworten, das schwöre ich dir! Gianna Nannini singt irgendwas im Radio, Undine summt mit.


„Okay, lass uns Spaß haben“, lenke ich ein, „ich mag Muggia, bin einige Male mit dem Bus hier gewesen. Die Rosterias am Hafen bieten fangfrische Meeresfrüchte an, echt lecker.“

Sie nickt und zwickt mich in den Schenkel. Ich glühe vor Lust auf sie.

Das Bad liegt an der Küstenstraße. Stufen führen zum Wasser. Undine legt Jeans und Shirt ab, ich wundere mich über den einteiligen schwarzen Badeanzug, den sie darunter anhat.

„Wieso trägst du keinen Bikini?“

„Ach, die Bändchen verrutschen dauernd.“ Sie klettert die in den Karstfelsen geschlagenen Stufen zum Wasser hinunter.

Während ich unter dem um die Hüften geknoteten Badetuch die Hosen wechsle, schwimmt sie bereits. Ich springe hinterher – es ist kalt –kraule so schnell es mir möglich ist, unmöglich sie einzuholen. Wie ein Delphin zieht Undine durchs Wasser, fast geräuschlos. Ich hingegen platsche wie ein Nilpferd. Ich gebe auf und paddle in Rückenlage zurück. Lege mich in den warmen Sand.

Ab und zu glaube ich weit draußen zwischen den Wellen Undines Kopf zu erkennen. Sie wird sich erkälten, es ist nur in der Sonne am Strand heiß. Hinten bei der Uferstraße ist ein Getränkestand, ich hole Orangiata.

Nach einer Ewigkeit klettert Undine aus dem Wasser. Sie zittert, die Zähne schlagen aufeinander.

„Du warst zu lange drin.“

„Bist du mein Vormund, oder was? Mir geht es bestens.“ Sie trocknet sich ab, ihre Lippen presst sie zusammen.

„Ach komm, ich mach mir halt Sorgen.“ Ich will keinen Krach. Dann rennt sie vielleicht weg und ich kann nachher mit dem Bus zurückzufahren. Wenn sie nur nicht wieder ausflippt, dann möchte ich keinesfalls in ihrer Nähe sein.

Nun liegt sie auf meinem Strandtuch. In Wahrheit möchte ich immer in ihrer Nähe sein.

Undine nimmt ein Steinchen auf, kickt es mit Daumen und Zeigefinger in meine Richtung. „Ich habe Hunger. Gehen wir in die Rosteria, von der du im Auto erzählt hast.“

Ich jubiliere. „Gern!“

Wir ziehen uns an.


In der kleinen Gaststätte finden wir einen freien Tisch unter wildem Wein. Die Sonne schimmert durch die Blätter, malt Schattenspiele aufs weiße Tischtuch und Undines nackte Arme. Sie bestellt Miesmuscheln.

„Du bist ein wunderbarer Mann. Ich möchte dir niemals wehtun. Ich weiß, manchmal wirkt es so.“

„Was sagst du denn da“, wehre ich ab und werde rot.

„Und deswegen erzähle ich dir mein Geheimnis.“ Sie beugt sich über den Tisch. „Ich bin eine Nixe.“

Ich trinke einen Schluck Wein. „Was?“

„Du glaubst mir nicht? Das ist schade. Ich werde daraus die Konsequenzen ziehen.“ Sie schnippt der Wirtin zu.

„Reg dich nicht auf, bitte. Erklär’s mir, damit ich es verstehe.“

„Was gibt es da zu erklären?“ Sie verdreht die Augen. „Es ist, wie es ist. Bruno und Mara Botazzi haben mich adoptiert. Aber sie tun so, als sei ich ihr leibliches Kind. Sie lieben mich abgöttisch.“

„Aha.“

Die Wirtin fragt, ob der Fisch nicht gut sei. Ich habe kaum etwas gegessen. Ich lächle entschuldigend. Undine hat alles aufgegessen. „Komisch. In deiner Nähe esse ich wie nie! Du siehst, ich liebe dich!“ Sie strahlt.


Es dämmert, als wir ankommen. Ich steige aus.

„Ich komme noch einen Sprung mit rauf“, sagt sie und sperrt den Wagen ab.


Sie stößt die Wohnungstür mit dem Fuß zu und packt mein Shirt, zieht mich aufs Bett. Als sie mich in die Lippen beißt, bin ich sofort erregt, strample die Jeans von den Beinen. Undine hält ihr Oberteil fest, als ich es hochstreifen möchte.

„Nicht“, flüstert sie in meinen Mund. Trotzdem zerre ich daran, sie dreht sich weg. „Nein! Nicht, ich kann das nicht haben.“

Ich küsse sie behutsam in den Nacken, fühle, dass sich ihr Körper allmählich entspannt. Obwohl ich sie wie wahnsinnig begehre, fällt die Erektion in sich zusammen.

Undine legt die Hand auf meinen Mund. „Sch ... alles braucht seine Zeit.“ Sie kleidet sich an. „Sehen wir uns morgen?“ Ich bekomme einen Kuss auf die Nasenspitze.

„Morgen arbeite ich.“

„Ach! Du arbeitest? Das wusste ich nicht.“

„Ich katalogisiere Bücher in einem Antiquariat auf der Via San Michele.“

„Fein! Ich liebe Bücher.“

In der Tür ruft sie: „Ich besuche dich dort!“


Sofort rufe ich Ahmad an: „Sag mal, gibt es eine Krankheit, die einem vortäuscht, eine Nixe zu sein?“

„Das muss ja sehr dringend sein, wenn du mich in der Klinik überfällst.“

„Es ist sehr wichtig, Ahmad.“

„Nixe?“

„Lach nicht so blöd“, sage ich.

„Verliebt, was?“

„In eine Nixe.“

„Klingt nach Persönlichkeitsstörung.“

„Kennst du jemanden mit ähnlichen Symptomen?“

„Klar. – Wie geht es dir drüben in Europa? Ich würde dich nach dem Praktikum in der Klinik gern besuchen, falls du dann noch nicht unter Wasser lebst!“

Ich lache, aber Ahmad sagt sofort: „Verzeih, Alter, natürlich ist es ein ernstes Thema. Ist nicht professionell, ich weiß.“

„Du bist ein Idiot, Ahmad!“

„Nein, nur saumüde, ein Kollege ist ausgefallen, das bedeutet vierundzwanzig Stunden Schicht. Bin etwas überdreht. Freue mich, dich zu hören, ehrlich.“

„Du bist der Einzige, mit dem ich darüber reden kann, verstehst du? Gib mir einen Rat, bitte.“

„Dennis, ich kann aus der Distanz nicht feststellen, was mit deiner Nixe los ist. Wenn sie sich aufgespaltet hat, könnte das auf einen Missbrauch zurückzuführen sein. Ich möchte dich aber warnen, mein Freund. Wenn du dich auf einen Menschen mit solchen Symptomen einlässt ... das ist eine schwere Aufgabe.“

Ich lege auf und weiß, es ist zu spät, Undine ist in meinem Herzen.

8. Eine Freundschaft und Rusalka


Fredo macht Espresso als ich zur Tür hereinkomme.

„Sie sehen etwas blass aus, Dennis.“

„Es ist nichts. Vielleicht die Hitze ...“

„Dann packen Sie die zwei Kartons dort drüben aus.“

Nach einer Stunde bietet er mir Kaffee an.

Ich klopfe meine Jeans ab, wasche mir die Hände. Fredo kurbelt das Grammophon an. „Caruso“, sagt er und lehnt sich in seinen Sessel zurück.

„Raus mit der Sprache, was bekümmert Sie?“

Vielleicht kann er mir helfen. Ich fange zu erzählen an. „Sie lieben sie, nicht wahr?“ Er sieht mich voller Mitgefühl an.


„Ich habe etwas Interessantes gelesen. Es soll im Gehirn eine Karte geben, Love-Map heißt es in der Fachsprache, darin ist das Profil der einzigen Liebe vorgegeben.“ Fredo trinkt einen Grappa, „eine Theorie, die mich beeindruckt. Sie würde einiges in meinem eigenen Leben erklären.“ Sein Lächeln ist schmerzlich, ehe ich darauf eingehen kann, sagt er: „Vielleicht ist es ähnlich bei Ihnen? Dann können Sie aber nichts dagegen tun.“

„Sie sagt, sie liebt mich.“

Die Platte ist zu Ende. Fredo steht auf. „Ich habe die passende Musik.“ Er zieht noch eine Carusoaufnahme aus dem Regal, Dvoraks Rusalka. „Kennen Sie Rusalka?“

„Ja. Wir haben im Musikunterricht darüber gesprochen. Die Geschichte einer Nixe.“ Ich lächle ihn an. Die Arie des Prinzen erklingt. Was, wenn Undine wirklich eine Nixe ist? Wer sagt, dass es unmöglich sei? Meine Hände zittern, ich verschränke sie.


Die Schelle scheppert, Undine steht in der Tür. „Hab ich dich gefunden, ha! Was sagst du dazu!“ Sie küsst mich, bevor sie Fredo die Hand reicht.

„Undine Botazzi. Bekomme ich auch einen Espresso?“

Fredo verbeugt sich und eilt in die Kaffeeküche.

„War bei Carla zur Weinprobe“, sagt sie.

Nun verstehe ich, ihre Wangen glühen.

„Ecco!“ Fredo bringt eine volle Tasse.

Caruso! Wie schön.“

„Was können wir sonst noch für Sie tun?“, fragt Fredo im Plauderton.

„So viele alte Bücher! Und könnten Sie Caruso dann einmal singen lassen? Was hat denn Dennis hier zu tun? Seit wann haben Sie das Geschäft? Haben Sie immer schon Bücher verkauft? Sie sind sicher ein gebildeter Mensch.“

Mir sausen die Ohren. Ich verziehe mich zu meiner Kiste, Fredo beantwortet alle Fragen. Undines Stimme ist schrill, ich schiebe den Schemel auf die andere Seite, sehe sie lächeln und gestikulieren. Manchmal schaut sie zu mir herüber.

Plötzlich sagt sie: „Gibt es etwas über Nixen?“

Fredo lacht. „Ich habe das Libretto und irgendwo da hinten ...“

Undine legt die Hand auf seinen Arm. „Lassen Sie nur. Märchen meinte ich nicht.“

Mit einem Knall schlage ich einen Stapel Bücher auf Fredos Schreibtisch. „Diese Bände müssen Sie sich ansehen, die haben einen Wasserschaden.“

Er blickt auf seine Armbanduhr. „Morgen.“ Wendet sich Undine zu: „Nun nehmen Sie Ihren Dennis mit.“

„Signore Fredo, es war mir ein Vergnügen!“

„Mir war es auch eine Freude, Signorina Botazzi. Einen schönen Abend wünsche ich.“

Er begleitet uns zur Tür, dreht das Schild auf chiuso und sperrt ab. Ich sehe, wie er sich in den Sessel sinken lässt und zu lesen beginnt.


Undine summt eine Melodie aus Rusalka, zielt mit dem Schlüssel aufs Autoschloss.

„Oh nein. Du hast eindeutig zu viel getrunken. Macht Carla das mit Absicht? Eine gute Freundin ist sie dir jedenfalls nicht!“

Ich entreiße ihr die Schlüssel, hebe sie hoch.

„Hey! Das kannst du nicht machen!“ Sie stampft auf. „Warum ziehst du über Carla her? Du kennst sie doch gar nicht! Dabei wollte ich das Wochenende mit dir verbringen. Sie ist so lieb und deckt mich vor meinen Eltern. Sollte Papa bei ihr anrufen, gibt sie Bescheid. Ich habe ihr deine Telefonnummer gegeben.“

Sie springt an mir hoch, um den Schlüssel zu erwischen. Es gelingt ihr nicht und sie schreit: „Du mischt dich in mein Leben ein!“

Ich schweige.

Mit verschränkten Armen funkelt sie mich an. „Na schön. Fahr du.“

Ich halte ihr die Tür auf. „Wohin?“

„Zu dir.“


Ich parke ein, stelle den Motor ab und bleibe sitzen. „Warum der ganze Zirkus, Undine?“

„Papa betrachtet meine Freunde mit der Lupe.“

„Kann er.“

„Was ist, übernachten wir im Wagen?“ Undine stößt mir den Ellbogen in die Rippen. „Los, aussteigen! Ich will jetzt nicht darüber diskutieren!“

„Aber ich! Wenn wir nicht reden können, dann fahr doch zu deiner Carla, vielleicht schenkt sie dir noch ein paar Gläser ein!“ Ich starte. „Ich bring dich zu ihr.“

Sie legt die Hände auf die Ohren und fängt zu singen an. Ich ziehe den Schlüssel, steige aus und schlage die Tür zu. Carla werde ich mir vornehmen.

Undine läuft mir singend nach. Auf dem Weg nach oben schwankt sie, ich lege den Arm um sie.


Ich richte ein Brot mit Salami, bringe einen Krug Wasser, drücke Undine das Glas in die Hand. „Trink!“

Nach ein paar Schluck setzt sie es ab.

„Mehr! Du musst viel mehr Wasser trinken.“

„Behandle mich nicht wie ein Baby!“ Undine trinkt aus, beginnt gierig zu essen.

Es gefällt mir, wenn sie ordentlich isst. Plötzlich springt sie auf und rennt ins Bad.

Ich höre sie würgen. „Undine?“ Als sie nicht antwortet, klopfe ich an die Tür.

„Hau ab!“, schreit sie, übergibt sich wieder. Ich warte. Nach einer Weile wankt sie heraus, schubst mich zur Seite und kriecht mit finsterer Miene ins Bett, zieht die Decke über den Kopf und jammert dumpf darunter hervor. Während ich ihren Rücken durch die Decke streichle, denke ich darüber nach, warum sie plötzlich so durcheinander ist. Abgesehen davon, dass Carla sie zum Trinken verführt hat.

Bald schläft sie ein. Eine Nixe. So zerbrechlich.

9. Durchgeknallt


Der Druck wird stärker, je länger ich die Erlösung herauszögere. Noch habe ich die Kontrolle, ich balle die Fäuste, meine Nägel schneiden ins Fleisch. Es ist mitten in der Nacht. Dennis schläft. Die Handballen schmerzen, zu wenig. Ich betaste meine Brüste. Ich will es nicht in seiner Wohnung tun, aber es ist unausweichlich. Bilder bedrängen mich. Dennis zwischen meinen Beinen. Ich schäme mich.

Es ist so weit, ich kann mich nicht mehr beherrschen, gleite aus dem Bett, weg von ihm und schließe leise die Badezimmertür hinter mir.

Die Erleichterung. Ich atme durch, lehne mich zurück, drehe das Wasser stärker auf, alles wird aus mir herausgespült.


*


Undine liegt nicht neben mir, der Morgen graut, im Bad plätschert das Wasser.

Ich gehe nachsehen, öffne die Tür einen Spalt. Vor Schreck beiße ich mir auf die Lippen. Mein Herz rast, was zum Teufel tut sie da? Undine kauert unter dem Wasserstrahl, in der Hand eine Rasierklinge. Blut sickert aus der Wunde, sie setzt erneut an. Mit angehaltenem Atem ziehe ich die Tür zu. Meine Knie zittern, ich muss mich anlehnen. Nach ein paar Minuten klopfe ich an, öffne.

„Hi ...“, sagt sie lächelnd, die Arme über der Brust gekreuzt. „Mir war heiß. Bitte, gehst du raus? Ich möchte mich abtrocknen.“

Ich wanke ins Wohnzimmer.

Ins Badetuch gehüllt kommt sie nach, rubbelt sich das Haar als sei nichts gewesen. Ich suche nach Blutspuren. Nichts.

„Leihst du mir ein Shirt?“

Ich gebe ihr eines.

Sie dreht sich weg, zieht es über.

„Machst du das öfters?“

„So früh duschen? Ab und zu.“ Undine nimmt meine Hand, schubst mich ins Bett, legt den Kopf auf meine Brust und schläft ein. Nach einer Weile bette ich ihren Kopf aufs Kissen. Ich stehe auf, schnappe meine Klamotten und schleiche hinaus.


Ich renne die Straße entlang, mich fröstelt. Dann fällt mir Ahmad ein, er muss mir helfen!


Undine schläft noch. Ich setze Kaffee auf.

Ich mache Frühstück, trage das Tablett hinein.

Undine reibt sich die Augen. „Gehen wir wieder schwimmen?“


Der Badestrand ist überfüllt.

Undine will bleiben. „Ich wurde genau hier gefunden“, sagt sie und legt ihr Strandtuch zwischen zwei Familien mit brüllenden Kleinkindern. Hinter mir plärrt ein Ghettoblaster Techno.


Purchase this book or download sample versions for your ebook reader.
(Pages 1-38 show above.)