Stefan Eckert
Copyright© 2010 Stefan Eckert
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© 2010 Stefan Eckert
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Der Jadestein
Im Abraxas, meiner Stammkneipe, gab es Holsten und Arne. Holsten knallte am dollsten und Arne vertrug am meisten davon. Ich hatte davor noch nie gesehen, wie ein Mensch im Stehen und geradeaus kotzen konnte. Arne schaffte das, ohne sich selber zu besabbern. Er hatte einen Job, er sagte auf jeden Fall jedem, dass er Journalist sei. Kamm gut, hier in Hamburg. Ich hatte dabei eher das Klischee von fiesen Ratten und Schmeißfliegen vor Augen. Bei uns in Bayern war das halt nicht supercool. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich Journalismus studiert. Egal, konnte ich ja immer noch machen, nächstes Semester oder so.
Arne besorgte mir dann den ersten Job. Mit meinem Mac sollte ich mir eine CD-ROM angucken und darüber schreiben. Sechshundert Zeichen. Boha, das hörte sich wenig an, aber alter Schwede, wenn Du um jedes Zeichen, jeden Buchstaben kämpfen musstest, glaubst du, dass Du die Bibel neu schreibst. Na gut, ich schaffte es und kaum sechs Wochen später wurde meinen Senf tatsächlich von irgendsoeiner Stadtpostille gedruckt. Das war mein erster Traumberuf. Jeden zweiten Tag war ich bei der Zeitung und hollte mir neue Spiele. Tag und Nacht gedaddelt. Heaven! Aber der Job ist nur bei Typen gut angekommen. Spieletester hörte sich bei den Frauen an wie: kein Geld für Schuhe. Der Job stank, muffelte vor sich hin. Da gingen keine Sterne auf.
Arne hatte eine Playstation, aber keinen Mac. Wie er das machte, ohne Mac cool zu sein, erfuhr ich erst später. Die Playstation war zwar eigentlich Kinderkacke, aber schließlich drehte sich, rein Sundenmäßig, ein Großteil unseres Leben darum, war ein absolutes Muss. Wie ich meinen Vater davon überzeugt hatte, mir eine zu kaufen, fragte ich mich immer noch. Aber er war wohl stolz darüber, dass mein Name, also seiner, unter einem Artikel stand und er sogar in Traunstein diese Zeitung kaufen konnte. Eigentlich wollte mein Alter meine Scheine von der Uni sehen, ließ dann aber locker, als ich immer öfter Artikel in der Zeitung hatte.
Die Zimmer schienen zu dampfen. Dementsprechend die Stimmung, gereizt war gar kein Ausdruck. Auch die aufgestellt Ventilatoren, deren stetes Summen, dem Begriff Geräuschteppich erst wirklich einen Sinn gaben, kühlten die Räume kein bisschen, sondern quirlten die Ausdünstungen der Anwesenden nur durch. Darum werden die Dinger in Fachkreisen Miefquirl genannt.
Wenn ich gewusst hätte, wie stickig es in diesen verdammten Backsteinhäusern werden konnte. Im Winter hielten sie die Wärme gut, dafür waren sie offenbar gebaut, allerdings mochten die Wände die Hitze auch im Sommer nicht hergeben. Naja, eher unwahrscheinlich, das die Firma den nächsten Winter noch erlebt
So heiß war es lange nicht mehr. Die Sonne hatte sogar die Kerzen auf der Kommode zum Umknicken gebracht, jetzt hingen sie da wie eine Trauerweide. Ein grässlicher Anblick – zumindest für einen Mann – diese ehemals stolzen Phallussymbole, in so einem erbärmlichen Zustand. Aber wer stellte überhaupt Kerzen in Büroräume? Ach ja, der süße, kleine Buddahschrein, der auch nicht viel geholfen hat. Dieses Feng-Shui hat auch nix gebracht. Das konnten nur diese Weicheier von Assistenten und deren Assistenten angefangen haben. Oder war es etwa meine Idee.
Zum Glück waren nicht mehr viele Leute da.Sonst wäre es echt unerträglich gewesen. Andererseits waren die wenigen, die noch da auf Depri und dazu kam diese abgestandene Luft. Irgendwie roch es nach Leichenhalle. Zumindest nach Behörde oder Finanzamt. Mein Image war in den letzten Wochen rapide ins Minus gerutscht. Meine "Kollegen" hörten auf zu reden, wenn ich ins Zimmer kam oder sie wechselten schlagartig das Thema. Dafür wurde umso heftiger getuschelt. Wenn ich um die Ecke bog, rissen sie schnell die Köpfe auseinander und wandten sich geflissentlich ihrer Arbeit zu. Ich konnte doch nichts dafür! Aber von denen begriff das keiner. Komisch, alle netten Mitarbeiter waren weg, nur die Arschlöcher waren geblieben. Die hatten sich um feste Vertäge gekümmert, die anderen nicht. Kein Wunder, das da schlechte Luft im Raum stand. Miese Leute haben miese Ausdünstungen.
Aber, wie sagte schon mein Pa immer: Auch die Fürze vom Papst stinken.
Und was war der schlimmste Geruch überhaupt? Alte Frau unter der ungewaschenen, deofreien Achselhöhle, Laternenpfahl ganz unten oder unter der Kutte des Papstes? Es ist alles nichts gegen den Geruch, der die Geier anlockt. Also doch ein Leichenhaufen nach einem Massaker. Wäre ich blind, würde ich diese Orte am Geruch erkennen. Wenn es so mieft, konnten dort nur Arschlöcher sein, die muss man nicht mal sehen.
Wenn der Aktienkurs so unterirdisch war, dann ist die Stimmung wohl zwangsläufig am Arsch, egal, was für ein Wetter herrschte. Was soll´s. Egal Karl. When the shit hits the fan. Also wenn die Scheiße durch den Ventilator fliegt, bekommt jeder seinen Batzen ab. Ich aber am meisten, fand ich.
Auf einmal wurden die großartigen Leistungen nur noch auf den Aktienkurs reduziert, also Null Komma noch was. Trotzdem war ich immer noch zehnmal cooler als diese langweiligen Bankfuzzis. Oder? Die hatten noch weniger Ahnung als ich. Wieso war ich jetzt eigentlich der Gelackmeierte?
Wie kamen diese Geldschnösel nur darauf, mir auch nur im entferntesten das Wasser reichen zu können? In einem fairen Wettbewerb, sagen wir mal im Kampftrinken, Playstation spielen oder Mädels anbaggern, wer von denen sollte mich dabei besiegen? Die echten Werte wurden einfach gnadenlos verkannt. Ich wusste auch warum. Wie sollte man sonst neue Banklehrlinge finden? Na, obwohl, es gab ja genug von solchen Typen. Die Propaganda war allumfassend und geschick ins Unterbewusste abziehlend. Sogar in der Werbung sahen alle aus wie Sachbearbeiter bei der Bank. Die tranken Hohes C und mochten Nutella. Dabei wurden sie plötzlich ganz wuschig und schleckten das Schokoladenzeug vom Messer. Ich fand, das war ein Skandal! Was sollten denn die Eltern darüber denken, deren Kinder sich beim Ablecken beide Backen bis zum Kieferknochen aufgeschlitzt hatten. Aber alle sind glücklich, die Sonne scheint, wie im Märchen, irgendwo anders.
Scheiß Werbung, alles nur Blabla. So wie damals dieser Schmidt, von der Habermach Bank. Jaja, das neue Medium, die Chancen, investieren Sie für die Zukunft! Interessanter war das, was er nicht gesagt hatte. Aber jetzt wussten es ja wenigstens alle Anleger. Geld, das ausgegeben wurde, musste erst einmal verdient werden. Ach so!
Ich hätte es wissen müssen. Mein Gott, wie der Bankschnösel schon angezogen war, diese kanariengelbe Krawatte! Warum sollte ich mit so einem reden. Was, wenn man mich mit dem Knallkopf auf der Straße sah? Sein Aftershave extrem aufdringlich, Marke Atemnot. Ich schätzte, die Abgase von diesem Nuttendiesel hatten den Kerl komplett gaga gemacht, abgesehen von seiner ausgeprägten Geldgier. Er kreiste um uns, wie eine fette Schmeißfliege, um einen Haufen Scheiße. Das penetrante Parfum verbarg allerdings nicht seinen ekelhaften Mundgeruch. Es sind also doch die Gerüche, auf die man hören sollte. Augen zu, Nase an und immer dem Gestank nach!
Und am Anfang fanden alle die Gegend hier angesagt, so dieser Kiez im Hamburger Schanzenviertel. Irgendwann habe alle nur noch Schanze gesagt. Im Släng wurden letzten zweihundert Meter des Schulterblatt (Ja, so heiß die Strasse..) später „Webstrich“ genannt. Aber nur die rechte Straßenseite. Links, da wo die Junkies abhingen, war Ihhbä. Die gehörten überhaupt nicht zur großartigen, neuen Generation. Die waren schnell weg, nach St.Georg. Alle durften eben nicht einfach mitmachen, beim Goldrausch. Der Schmutz, der mich hierher gezogen hatte , ist nie was für die feinen Bankernasen gewesen. Jetzt aber rochen sie etwas anderes: Geld!
Da waren die Kneipen noch verwarzt und dunkel, mit einem Tischkicker. Irgendwann wurden Kicker richtig schick, und auch unsere Agentur kaufen selber einen. Dann wurde eine Betriebssportgruppe gegründet und an Kicker-Turnieren mit anderen Internet-Agenturen teilgenommen. So waren die Leute in der Firma geblieben und trainierten, nebenbei aber immer wieder an ihrem Computer gesessen und so unbwusst unbezahlte Überstunden gemacht. Und so waren die Kneipen immer weniger geworden und die Restaurants mit Bringdienst mehr.
Elite. Dieses Wort wurde eingesetzt und als Kompliment verstanden. Fuck Elite. Hatten uns das die Banker eingeredet oder wir selber? Weiß ich nicht mehr, aber ein gutes Gefühl war es schon. Besser, schneller, irgendwie olympisch, natürlich ohne Sport. Sport ist unglaublich ungesund. Oder kann man sich vielleicht beim Taxifahren die Kapsel reißen? Oder beim Fernsehen die Fasern zerren? Nein, man kann auch ohne Sport durchs Leben kommen, allerdings nicht ohne Verletzungen. Ich bin mal in ein Sektglas gefallen, nein, es war Champagner. Also, nicht gefallen aber glitt an der Wand herunter. Ich wollte mich hinsetzen und dabei mit der Hand abstützen. Aber da, wo der Ballen hinrutschte, stand schon ein Glas. Ich habe es zwar irgendwie gespürt, aber ich konnte den Kuss nicht unterbrechen, ich war weiter runtergerutscht. Ich küsste eine schöne, junge Dame und alles um mich herum war mir total Egal. Es hätte mir auch sonst nichts weiter ausgemacht, die anderen hatten mich darauf aufmerksam gemacht. Da war ich schon in einem kleinen Blutsee gesessen, tiefe Schnitte im Daumenballen bis fast hoch zum Puls, das hätte auch schief gehen können, immerhin wäre ich in Liebe gestorben. Es hat nicht besonders schick ausgesehen, so Blutig, mit vereinzelten Scherben noch herausragend.
Im Krankenhaus flickte mir der Arzt alles schnell wieder zusammen und ich zurück auf die Party. Es war nett, besonders mit Barbara. Die Frau, die in meinem Arm war, als ich die Wandentlangrutschte.
Sie belohnte mich, als wäre ich Marc Aurel und als Sieger nach Rom zurückgekommen. Ich war der Held, der Verband an meiner Hand wirkte wie eine Goldmedaille. Jetzt hatte ich ein paar äusserliche Narben, immer noch besser als ein Meniskus-Schaden.
Ich spielte sogar Fußball und hatte dabei leider einem Typen ein paar Zähne rausgetreten. Das war ein Unfall. Echt. Ich könnte so was gar nicht mit Absicht. Ich weiß also, was es heißen kann, sich beim Sport zu verletzen. Ich hab´s schon getan, irgendwie.
Aber eins nach dem anderen. Ich bin Fritz. Ich sehe super aus und bin auch ansonsten ein echt cooler Typ. Bin nicht dick, nicht dünn, nicht groß, nicht klein. Also da, wo ich herkomme, in Traunstein in Bayern, gelte ich als eher dünn. Aber nur, weil die Leute dort sehr speckig sind. Und als groß, denn die Eigeborenen sind meistens eher klein. Das Gefühl besonders groß zu sein hatte ich auch in Bibione, wo wir jedes Jahr in den Urlaub hinfuhren. Dort war ich oft bei Paolo. Er war Koch in dem Laden, in dem meine Eltern immer einkehrten. Seitdem kannte ich mich mit Essen aus. Dick war ich dabei trotzdem nicht geworden, bis jetzt. Paolo schon. Der war schon damals fett wie ein LKW-Reifen.
Angefangen hatte der ganze Wahnsinn hier 1995, oder nein, eigentlich viel früher. Geboren 1972 und 1989 bin ich dann hierher in die Schanze gezogen. Zum ersten Mal alleine, in meiner eigenen Bude. Supercool. Reeperbahn, Szene und Disse, das war meine Welt. Ich hatte nie Probleme, in einen Schuppen reinzukommen. Die meisten Türsteher kannte ich irgendwo her oder die kannten mich. Und wenn nicht, dann tat ich einfach so. Woher sollten die Jungs wissen, wen sie reinlassen sollten, wenn man ihnen keine subtilen Signale schickte. Wie haben eigentlich die Steinzeitmenschen Freunde erkannt? Warum sollten Türsteher jetzt mehr wissen? Wenn man die Barleute kannte, dann bekam man die Drinks umsonst. Und wer hier, in der Schanze oder im Karo wohnte, war sowieso von Hause aus weit vorne. Ganz weit vorne!
Studieren sollte ich eigentlich, Philosophie und Architektur. Das hörte sich doch passabel an. War es aber nicht. Ich war nur dreimal da. Extra dafür kaufte mein Alter mir einen Computer. Alter Schwede, ein Mac! Weit vorne auf der Markenliste. Gab zwar keine Spiele, aber alle echt Boheme hatten einen Apple. Ich konnte genauso gut einer von den Werbeleuten sein, die hatten auch alle einen Mac.