Die Prinzessin mit der feinen Nase
Von Tine Sprandel
Illustrationen Gwen Kaase
Copyright 2011 Albertine Sprandel/ Gwen Kaase
Smashword Edition
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auf einer blühenden Wiese lebte Prinzessin Penelope. Die Wiese lag
zwischen Äckern, am Rand eines Waldes und wurde nie gemäht. Sonst
hätte die Prinzessin dort auch nicht leben können, denn ihr Schloss
war ein Blütenschloss: Lila Kelche zierten die Türmchen, weiße
Rispen prangten an den Zinnen, das Tor wurde von Ranken umhüllt.
Große gezackte Blätter legten sich schützend als Dach über das
Hauptgebäude, in dem der Tanzsaal, die Küche mit sieben Neben- und
Vorratsräumen und die Schlafgemächer der Prinzessin, ihrer Eltern
und der fünf Zofen lagen. Auf der ganzen Wiesenwelt gab es kein
schöneres Schloss und alle Wiesenwesen dachten, Prinzessin Penelope
müsste das glücklichste Mädchen der Welt sein. Aber Penelope war
unglücklich, sturzunglücklich, denn sie konnte nichts riechen.
Nicht den Duft der Blüten, nicht das Flimmern der Sonnenstrahlen,
nicht die kühle Brise aus der feuchten Erde. Nichts. Ihr Nase war
verstopft, wie wenn man einen heftigen Schnupfen hat, aber nicht
niesen und nicht schnäuzen kann.
Mit ihr litten ihre fünf Zofen, die Eltern grämten sich vor Sorge und so lag tiefe Trauer über dem Wiesenreich zwischen den Feldern.
Da beschloss der König, dass es so nicht mehr weiter gehen könne. Er rief alle seine Wiesenritter zusammen, den Hofstaat, seine Diener, seine Boten, seine Bauleute.
Und sprach: „Über diesem Schloss liegt ein Fluch. Meine Tochter, meine geliebte Penelope kann nicht mehr riechen. Ihre Nase ist verstopft, sie ist dem schönsten und wichtigsten Lebenssinn einer Wiesenprinzessin beraubt. Wie soll sie heiraten und ein eigenes Königreich gründen, wenn sie den Duft der Blumen nicht erkennen kann?“
Die Gefolgsleute jammerten und klagten: „Ja wie?“
Der König fuhr fort: „Sie ist meine einzige Tochter. Die Zukunft des Wiesenkönigreichs ist in Gefahr. Ihr wisst was passiert, wenn unser Schloss in Geruchslosigkeit versinkt?“
Da horchten die Gefolgsleute auf: „Was denn? Was denn?“
„Kuhfladen. Das Reich wird übersät von stinkendem, qualmendem, matschendem Kuhfladen. Denn die Bauern werden ihre Kühe hierher zum Weiden schicken. Sie werden unsere Dächer, Pfosten und Wimpel, unsere Mauern, Türme und Tore abfressen, in ihren Panzermägen verdauen, hochspülen und wiederkäuen. Wollt ihr das?“
„Nein“, schrien die Diener.
„Nie im Leben“, schrien die Bauleute“
„Beim Ehrenpreis meiner Ritterrüstung nicht“, schrien die Ritter.
„Also geht hinaus ins Land und verkündet meinen Befehl: Ich will die klügsten Köpfe, die besten Ideen, ich will Penelope retten. In drei Tagen treffen wir uns wieder hier. Wer den besten Vorschlag hat, wird belohnt, wer bis dahin dem Leid meiner Tochter ein Ende bereiten konnte, erhält die Prinzessin zur Frau.“
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ersten Tag versank die Wiese in brütendes Schweigen. Die Margeriten
ließen ihre Köpfchen sinken und die Wiesenwesen erstarrten im
Nachdenken.
Da kroch der Wiesenwicht Viktor aus seiner Lieblingsblüte, dem nickenden Dingsda und sah sich erstaunt um. Gerade hatte er sich mit Duft vollgesogen, nun wunderte er sich über die drückende Stille.
Die anderen lachten ihn aus: „Bist du auch schon wach?“

Und sie sagten: „Der ist zu faul, um dem König zu helfen. Der ist zu faul, um überhaupt die neuesten Nachrichten zu empfangen.“
Viktor gähnte und wollte sich schon wieder in seinen Kelch verkriechen, als er das leise Wispern einer lahmen Nacktschnecke vernahm: „Hör zu: Der König belohnt denjenigen, der seiner Tochter den Geruchssinn wieder gibt. Reicher Lohn, leichte Beute, du musst nur eine Idee haben!“
Reicher Lohn, leichte Beute? Das lockte Viktor aus seinem Blütensessel, er reckte die kleinen Glieder und fuhr mit den Fingern durch den ungekämmten Wuschelkopf und sagte: „Wiesenwicht Viktor macht sich auf den Weg!“
Die anderen tuschelten: „Was will der schon? Hat doch nichts als Müßiggang im Kopf!“
Aber Viktor hatte eine Idee.
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dauerte zwei Stunden, zweiundzwanzig Minuten und zwei Sekunden bis
Viktor sich bis zum Schloss durchgearbeitete hatte. Im wahrsten Sinn
des Wortes. Denn er sammelte und suchte alles was er finden konnte
und das nach nichts roch. Das war harte Arbeit, denn in so einer
Wiese roch alles ein bisschen nach Gras oder nach Lehm oder nach
Regenwurmkot oder nach Blütensuppe. Er hatte einen Stein gefunden,
so groß wie seine ganze Hand und so klein wie ein Samenkorn. Er
hatte diesen Stein geschrubbt, geputzt und poliert bis kein Hauch
eines Geruchs mehr an ihm hing. Dann hatte er ihn in sein
Jutesäckchen gestopft.
Als nächstes viel sein Blick auf eine Glasscherbe, so groß wie Viktors Bein, so klein wie ein Blütenblatt des Gänseblümchens. Auch dieses Prachtstück putzte und polierte er bis kein Erdrestchen einen Duft verriet. Als drittes fand er ein Stück Draht. Länger als der ganze Viktor und so kurz wie ein kleiner Grashalm. Nachdem er ihn gesäubert hatte, behielt er ihn in der Hand. Er war zu lang für sein Jutesäckchen und zu wertvoll, um ihn aus den Augen zu lassen.
Viktor schritt zum Schloss und rüttelte mit seinem Stock am Rankentor.
„Wer ist da?“ rief ein Diener.
„Wiesenwicht Viktor. Ich will zur Prinzessin.“
Der Diener lugte durch einen Spalt im Rankengerüst und wunderte sich sehr. „Was will der Meister der Faulheit bei der Prinzessin?“
„Ich will sie retten. Ich will sie von ihrer Qual befreien.“
„Hoho. Hört, hört. Du willst das? Du willst etwas tun?“
„Lässt du mich nun ein?“ fragte Viktor.
„Nein, nein. Nein. Der König hat befohlen, ich soll nur die großen Helfer einlassen, die eine wirklich gute Idee haben, Faulpelze, die nur auf die Belohnung aus sind, soll ich gar nicht vorlassen.“
„Aber ich habe eine Idee!“
„Ja?“ fragte der Diener listig. Denn er wollte die Prinzessin selber retten, und mit ihr an seiner Seite Herrscher im Wiesenland werden.
„Ich verrate sie nur der Prinzessin, sonst funktioniert sie nicht.“
„Dann scher dich zum Teufel. Ich darf niemanden zur Prinzessin vorlassen.“